CHILDLIKE WARRIORS (1/4) by sternschwester zurück oder die Fortsetzung weiterlesen Archiv: nur all thingx Disclaimer: Klar, dass Scully und Mulder nicht mir gehören. Sie gehören Chris Carter, er hat sie erfunden und jeder weiß das. Die Geschichte wurde aus Spaß geschrieben und nicht um irgend einen Ärger zu machen. Also lasst sie bestehen :) Feedback erwünscht: sternschwester Vielen lieben Dank an Andy, die den Beta-read übernommen hat. Danke, danke, danke !!!! -------------------------------------------------------------------------------- 1 Das Pfeifen des Windes vermischte sich gleichmäßig mit dem Tippen auf dem Computer. Sam Newton hatte sich Arbeit mit nach Hause genommen und war zufrieden, diese zu Hause machen zu können. Das Büro hatte ihm noch nie zugesagt. Er war lieber zu Hause bei seiner Frau und seinen Kindern. Es war schon spät und die Dunkelheit war bereits vor Stunden eingetreten. Doch Sam dachte gar nicht daran aufzuhören. Nach Mitternacht konnte er erst richtig anfangen zu arbeiten und noch dazu konnte man nachts viel angenehmer durchs Internet surfen, was sich als Reporter wohl kaum vermeiden ließ. Er war so in seine journalistische Arbeit vertieft, dass er nicht merkte, wie sich die Tür seines Büros langsam leise knirschend öffnete. Eine Gestalt trat ein und ging auf Sam zu. Gerade als sie hinter ihm stand, fuhr er erschrocken zusammen und drehte sich blitzschnell um. Er atmete erleichtert auf. “Ach du bist es”, sagte er schon fast enttäuscht. “Du solltest wirklich nicht so lange am Computer sitzen. Du wirst ja ganz verrückt”, sagte seine Frau besorgt. “Ach, lass nur. Mir geht’s gut. Bin nur ein wenig überarbeitet, sonst nichts. Man phantasiert schon einiges zusammen bei der Schreiberei.” “Aber trotz allem, du solltest nun langsam ins Bett kommen. Oder willst du etwa...” “Nein”, fuhr Sam sie ziemlich schroff an. “Ich muss diesen Artikel noch diese Nacht fertig bekommen. Er soll morgen gedruckt werden. Er wandte sich wieder seinem Computer zu und hämmerte eifrig auf der Tastatur weiter. “Diese Story... du bist ja fast besessen davon", sagte seine Frau fast heiter. Sie meinte es nicht ernst, doch ihr Mann schien nicht zu Scherzen aufgelegt zu sein. “So ein Blödsinn, lass mich nun allein. Ich habe zu arbeiten, Claire. OK?” Sam erwartete keine Antwort von seiner Frau und deshalb konzentrierte er sich nun weiter auf seinen Artikel. Claire verharrte noch einen Moment hinter ihrem Mann. Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Sie wusste ja, dass ihrem Mann dieser Artikel viel bedeutete und dass er damit unbedingt auf die Titelseite kommen wollte. Aber seit er so hart daran arbeitete, war er total verändert. Seit diese absurden Morde in der Kleinstadt geschehen waren, über die ihr Mann nun schrieb. Er war verbissen darauf, das Geheimnis der Morde zu lüften. Seine Position als freischaffender Reporter war ihm da nicht ganz unnütz. Claire verließ das Zimmer, doch Sam bemerkte nichts davon. Ihm war es in diesem Moment gleichgültig, ob er Gesellschaft hatte oder nicht, denn er war nur darauf bedacht, seine errungene Information in seinen Computer zu schleusen. So merkte er auch diesmal nicht, wie sich die Tür des Büros erneut öffnete. Langsam und ohne ein Geräusch von sich zu geben. Beängstigend ruhig. Eine kleine, sehr kleine Gestalt trat langsam und bedächtig in das Arbeitszimmer. Schweiß rann Sam über die Schläfen. Er tippte immer schneller, während die Gestalt immer näher an ihn herankam. Als sie einen Meter hinter ihm stand hielt Sam inne und somit auch die Gestalt. Eine zermürbende Stille trat ein. Nun auch nur einen Ton von sich zu geben schien die Luft zerspringen zu lassen. Doch Sam wagte es, ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden. “Liebling, ich hab dir doch gesagt, dass ich zu arbeiten habe", sagte Sam wütend ohne sich umzudrehen. Als keine Reaktion kam, drehte er sich während des Sprechens um. “Hörst du nicht, Claire?” Seine Augen weiteten sich, als er es sah - er konnte seinen Augen nicht trauen. Er öffnete den Mund um einen herzzerreißenden Schrei loszulassen, doch dazu kam er erst gar nicht. Fingernägel wie aus Stahl hinderten ihn daran. 2 Ein ziemlich komfortabler Mietwagen verließ einen der Parkplätze des FBI Hauptquartiers in Washington. Mit einer sehr hohen Geschwindigkeit, doch mit ungezwungener Sicherheit, bog es in eine Seitenstraße ein, so dass Scully, die auf dem Beifahrersitz saß, unangenehm gegen den Sicherheitsgurt geschleudert wurde. “Mulder!” fuhr Scully ihn an. “Sorry Scully. Hab wohl zu gut gefrühstückt heut’ morgen.” Gelassen schob Mulder eine Kassette in das Radio ein, doch er kam gar nicht erst in den Genuss, die Musik, die er auf das Band überspielt hatte, zu hören, denn Scully machte ihm einen Strich durch die Rechnung, als sie die Kassette wieder aus dem Radio entwendete. Mulder sah Scully verstört an. “Was für Morde, Mulder?” lenkte Scully ab. Sie ignorierte Mulders Versuche die Kassette wiederzuergattern. Mulder gab keine Antwort. Er bog nun auf den Highway und beschleunigte sein Tempo noch mehr. “Mulder”, sagte Scully energisch und verstaute die Kassette in ihrer Manteltasche. Mulder, der diesen Vorgang aus seinen Augenwinkeln betrachtete, erkannte nun, dass er keine Chance mehr hatte, etwas seiner Musik zu hören und kramte nun verzweifelt in seiner Manteltasche auf der Suche nach ein paar Sonnenblumenkernen. “Sie sagten, alle Opfer wären auf absurde Weise getötet worden, aber...” “Auch ein paar?” fiel Mulder ihr ins Wort und streckte Scully eine Hand voll Sonnenblumenkerne hin. “Nein danke.” Fast verachtend schaute Scully auf seine Hand. “Alle vier Opfer sind verblutet.” “Und weiter?” Scully schaute ihn mit fragendem Blick an. Mulder wandte sich zwar nicht von der Fahrbahn ab, aber er spürte Scullys Blick nur allzu gut. “Die Opfer wurden förmlich aufgeschlitzt. Ritsch ratsch. Fünfzehn Zentimeter lange Kratzwunden.” “Und was haben wir jetzt ganz konkret damit zu tun?” “Nun ja, so ganz weiß ich das auch nicht. Wir sollen wohl die Ursache untersuchen.” “Aber Sie sagten doch gerade, sie seien verblutet.” “Ja, Scully. Wir sollen ja auch diese seltsamen Kratzwunden, die wohl das Verbluten als Resultat hatten, genauer untersuchen.” Mulder grinste. “Aber da ist noch etwas anderes.” “Was?” “Urplötzlich fallen kerngesunde Kinder, die alle in der Vorstadt Curly Gad - wo auch alle Morde begangen wurden - wohnen, ins Koma. Elf an der Zahl. Das ist die Hälfte der ganzen Kinder dieser Vorstadt... Aber das ist eigentlich noch Nebensache, wenn man das so nennen kann. Das andere ist wichtiger.” Mulder steckte sich die restlichen Sonnenblumenkerne, die er in der Hand hatte in den Mund und kaute eifrig daran, bis er dann weiter sprach. “Auf jeden Fall waren es alle vier Male Morde. Mich erinnert das irgendwie an riesige Krallen oder Klauen”, meinte Mulder. “Ach. Klar”, antwortete Scully höhnisch. “Nightmare on Elmstreet sieben. Freddy is back!” “Könnte möglich sein”, scherzte Mulder, ohne auch nur eine Miene zu verziehen. “Warum hab ich überhaupt gefragt?” sagte Scully zu sich selbst. “Muss aber nicht”, fügte Mulder hinzu und nahm sich selbst nicht ernst. “Und warum sollen wir da nun hin?” meinte Scully, um zum eigentlichen Thema zu kommen. “Eine alte Freundin hat mich angerufen. Ihr Mann war das letzte Opfer." Er verließ nun den Highway und fuhr in Richtung Flughafen. “Und...” sagte Scully, doch sie kam nicht mit ihrer Frage, denn Mulder schien ihre Gedanken lesen zu können und reichte ihr die Akte, nach der sie verlangen wollte. “Danke”, meinte sie schmunzelnd und öffnete sie. Sie blätterte einige Minuten lang, bis sie ihren Mund zur erneuten Frage öffnen wollte, doch Mulder beantwortete sie wieder, bevor sie sie überhaupt gestellt hatte. “Wir sollen nun untersuchen, was es mit diesen Morden auf sich hat. Keinerlei Kratzspuren an der Türe. Der Täter schien sich regelrecht aus der Luft gebildet zu haben. Es gibt keine Zeugen, jedenfalls keine, die sich gemeldet haben. Auch Claire hat nichts bemerkt, obwohl sie...” “Wer ist Claire?” fragte Scully, die nicht ganz verstand, warum Mulder so ein Durcheinander redete. Obwohl sie sich schon fast denken konnte, wer sie war, hatte wollte sie es doch aus seinem Mund hören. Es war wohl eine dieser hoch interessanten Fragen für Zwischendurch. “Meine alte Schulfreundin, wenn man das überhaupt so nennen könnte, sie hat mit mir auf der Oxford University Psychologie studiert. Wir waren öfter aus und haben uns in langen Nächten unterhalten. Ich war...” ”Ich wollte nur wissen wer Claire ist und nicht Ihre ganze Studienkarriere von Ihnen und ihr durchdiskutieren”, fiel Scully ihm ins Wort. Mulder fuhr nun auf einen Parkplatz und hielt den Wagen. Er stieg ohne weiter auf Scully einzugehen aus dem Wagen und wartete ungeduldig darauf, dass Scully es ihm gleichtat. Doch sie machte keinerlei Anstalten auszusteigen. Sie schnallte sich noch nicht einmal ab. Mulder wurde ungeduldig und beugte sich nach unten, um mit Scully Blickkontakt zu erhalten. “Was ist den Scully? Sind Sie am Sitz festgewachsen?” Scully atmete genervt auf. Er hatte schon bessere Witze gemacht. Sie konnte Mulders Eile nicht verstehen. Wie sollte sie auch, wenn ihr Kollege ihr überhaupt keine Auskünfte gab. Und wenn, dann musste sie ihm entweder jedes einzelne Wort aus der Nase ziehen, oder er redete ohne Punkt und Komma wie ein Wasserfall. “Mulder, wo wollen wir denn jetzt hin?” “Nach Seattle”, antwortete Mulder, als wäre es die natürlichste Sache der Welt. “Natürlich und könnten Sie vielleicht die Freundlichkeit haben, mir zu sagen, weswegen?” “Eh Scully?" Mulder schaute sich verwirrt um. "Hab ich was verpasst?” Er deutete mit seinem linken Zeigefinger auf die Mappe, die Scully in den Händen liegen hatte. “Die Morde sind nur rein zufällig in Seattle begangen worden. Die Stadt, zu der in knapp zehn Minuten unser Flugzeug abhebt, also kommen Sie.” Mulder schlug die Tür zu und wartete, dass Scully endlich auch aus dem Wagen stieg. Sie rannten in Richtung Flughafengebäude, als die Agentin plötzlich stoppte. Mulder bemerkte dies nicht, erst als Scully nach ihm rief, hielt er an. “Mulder, die Akte.” “Was?” rief er zurück, da er sie durch das Fluggeräusch eines startenden Flugzeuges kaum verstehen konnte. “Die Mappe. Ich hab sie im Auto liegen lassen. Geben Sie mir die Autoschlüssel, ich hol’ sie.” Sie kam auf Mulder zugelaufen, der ihr die Schlüssel zuwarf. Sie fing sie und rannte zum Auto, schloss auf und griff nach der Mappe, als sie ein Photo neben dem Gaspedal liegen sah. Sie konnte nicht erkennen, wer auf dem Bild zu sehen war und so beugte sie sich nach vorn um es aufzuheben. Es zeigte eine junge Frau. Mitte zwanzig. Sie hatte gewelltes hellbraunes Haar und trug ein dünnes blau-weißes Sommerkleid. Sie war schlank und sehr groß. Sie schien zu tanzen und sie lächelte über das ganze Gesicht. Scully starrte auf das Bild. Sie erschrak, als sie Mulder aus unmittelbarer Nähe rufen hörte. Er kam auf sie zu. Seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, mussten sie sich nun wirklich beeilen, wenn sie den Flieger noch kriegen wollten. Schnell steckte sie das Foto zur Kassette in die Manteltasche, nahm die Mappe und machte die Tür zu. Nachdem sie abgeschlossen hatte, rannte sie mit Mulder in das Flughafengebäude. 3 Mulder und Scully verließen den Flughafen von Seattle mit einem weniger komfortablen Auto als das, das sie am Washingtoner Flughafen zurückgelassen hatten. Mulder saß wieder am Steuer, doch diesmal fuhren sie in angemessenerem Tempo auf den Highway. Scully beugte sich nach hinten, um die Mappe zu erreichen. Sie schlug sie auf und fing an, interessiert zu lesen. Sie hatten zwar schon im Flugzeug einen zweiten Blick darauf geworfen, doch richtig informiert war sie immer noch nicht. Von Mulder hatte sie ebenfalls keine Informationen erhalten, da er die ganze Zeit im Flugzeug verschlafen hatte. Während Scully in der Akte las, fiel ihr plötzlich das Foto ein, das sie gefunden hatte. Sie kramte in ihrer Manteltasche und brachte es zum Vorschein. Sie hielt das Bild so, dass auch Mulder es anschauen konnte. “Das hab ich im Mietwagen neben dem Gaspedal gefunden, gehört es Ihnen oder...” “Es ist meines”, sagte Mulder und schaute wieder auf die Fahrbahn. Es schien Scully, als ob er nicht darüber reden wolle, aber es interessierte sie, ob sie Recht hatte und fragte deshalb trotzdem nach. “Eh, ist das Claire?” Mulder tat im ersten Moment so, als ob er ihre Frage nicht gehört hätte, doch im nächsten Moment kam ihm das kindisch vor. Er wusste, dass er sich mit Scully über alles immer an jedem Ort unterhalten konnte. “Ja”, sagte er dennoch nur ganz kurz angebunden. Scully hob die Augenbrauen und schaute Mulder an, immer noch das Foto vor sich haltend. “Eben konnten Sie gar nicht aufhören, mir Romane über die Vergangenheit mit ihr zu erzählen und jetzt...?” “Wie ich schon sagte, sie ist eine sehr gute Freundin”, Mulder räusperte sich, “möchten Sie auch eine Kleinigkeit essen? Ich hab' nämlich tierischen Hunger”, fragte er anhangslos. “Mulder”, meinte Scully eindringlich. Sie konnte sein Verhalten nicht verstehen. “Scully”, sagte Mulder fast wütend und riss ihr das Foto aus den Händen, um es anschließend in seiner Manteltasche verschwinden zu lassen, “ich hab' jetzt keine Lust, darüber zu diskutieren.” Er bog in die Einfahrt einer Highway Raststätte ein und fuhr auf einen der Parkplätze. Als sie zum Stehen kamen, blieben beide Agenten regungslos auf ihren Plätzen sitzen. Scully schaute vor sich aus der Frontscheibe, als würde sie etwas Hochinteressantes beobachten, doch vor ihnen standen nur andere parkende Autos. “Sie ist schon früher gegangen”, meinte Mulder plötzlich, obwohl er aufs Lenkrad starrte, welches er noch immer festhielt. Scully schaute ihn nun an. “Sie hat ihr Studium nicht beendet. Sie kam auf die tolle Idee, nach Irland zu gehen.” Mulder schaute nun aus seinem Seitenfenster, noch immer das Lenkrad umklammernd. Eine Frau mit einem Kinderwagen und einem kleine Mädchen an der Hand ging in Richtung Raststätte. “Sie hat sich noch nicht mal von mir verabschiedet. Nach ein paar Wochen, bekam ich dann einen Brief von ihr, mit diesem Foto. Sie schrieb, sie habe in Irland geheiratet. Ich war wahnsinnig enttäuscht. Ich weiß nicht warum, aber ich hab ihr nie zurückgeschrieben.” Mulder sagte nun gar nichts mehr. Scully spürte, wie sehr er an ihr gehangen haben musste. Sie konnte auch verstehen, warum er so enttäuscht war. Es war jetzt wohl besser, nicht weiter darauf einzugehen. Sie atmete tief ein. “Sie sagten doch, Sie hätten Hunger.” Sie schnallte sich ab, doch Mulder rührte sich nicht. “Ist schon gut Scully. Wir können weiterfahren. Ich bin jetzt nicht mehr hungrig.” Er startete das Auto und verließ die Raststätte noch schneller als sie angekommen waren. Scully hatte noch nicht mal mehr Zeit, sich anzuschnallen. Ihr war nicht wohl in ihrer Haut, denn Mulder fuhr, als wäre irgend etwas Fürchterliches hinter ihm her und sie wusste auch, was es war. Die Vergangenheit. Die Zeit mit Claire in Oxford. Sie fuhren schon ziemlich lange scheinbar ziellos durch die Gegend. Mulder wechselte von einer Straße in die andere und Scully hatte schon lange den Überblick verloren. Seit der Raststätte hatten Mulder und sie jetzt schon nicht mehr miteinander geredet. Doch Scully glaubte kaum, dass ihr Partner noch wusste, wo sie waren und so glaubte sie, ihn endlich ansprechen zu müssen. “Mulder, soll ich nicht mal langsam nachsehen, in welchem Stadtteil wir sind?” “Ich weiß wo wir sind. Keine Sorge. Es ist nicht mehr weit.” “Aber wo genau wollen Sie denn jetzt hin? Ich meine, hier gibt’s doch ‘ne Menge Hotels.” “Nein. Wir fahren zu Claire”, antwortete Mulder mit einem Lächeln auf den Lippen. “Ja, aber, geht das denn, ich meine, weiß sie, dass wir zu ihr kommen?” “Na sicher weiß sie, dass wir kommen. Sie hat mich doch extra angerufen. Sie sagte, wenn wir kämen, könnten wir - solange wir uns in Seattle aufhalten - bei ihr bleiben.” “Aha, schön. Und wo ist das genau. Hier, emh”, Scully schlug die Mappe auf und suchte mit dem Finger nach irgendwelchen Anhaltspunkten, “hier ist nichts aufgeführt.” “Vertrauen Sie mir.” Mulder grinste und bog nach rechts ab. Rechts und links von ihnen konnte man nur große lange Wiesen sehen. Scully erblickte ein Schild mit der Aufschrift ‘Curly Gad’. Circa 500 Meter vor ihnen konnte man wieder Häuser sehen. Es war, als wäre die Vorstadt völlig von der Außenwelt abgeschnitten worden. Es kam Scully etwas seltsam vor. Auch die Straße, auf der sie fuhren, war keine richtige Straße mehr. Sie ähnelte eher einem Feldweg. Die beiden erreichten die ersten Häuser und hatten schließlich auch wieder Asphalt unter den Rädern. Es war, als wären sie in eine neue Welt gefahren, ganz abgelegen von der Großstadt. Es gab hier keine Hochhäuser, geschweige denn Wolkenkratzer. Die ganze Stadt glich vielmehr einem kleinen Dorf. Die Häuser waren alt, doch renoviert und keinesfalls heruntergekommen. Mulder fuhr zwei Straßen weiter und blieb schließlich vor einem großen, weißen Haus stehen. Scully wusste nicht, warum er sich so sicher war, genau hier zu halten, aber er schien es wirklich ernst zu meinen und kletterte aus dem Wagen. “Wir sind da Scully.” Scully, die noch ziemlich verwundert im Auto saß, stieg nun auch aus. Mulder und sie gingen die drei Stufen, die zur Haustüre führten, hoch und klingelte. Es dauerte eine ganze Weile, bis ein kleines Mädchen die Tür öffnete. Scullys Verdacht schien sich zu bestätigen und Mulder hatte sich offensichtlich doch nicht geirrt. “Hallo”, sagte das kleine Mädchen zögernd. Sie schien eine jüngere Ausgabe der Frau auf dem Foto zu sein. Mulder kniete sich runter zu dem Mädchen, das ihm noch nicht mal bis zum Bauchnabel ging. “Sind wir hier richtig bei Newton?” “Mom”, fast verängstigt drehte sich das Mädchen um und schien beruhigter, als sie ihre Mutter erblickte, die nun aus der Küche kam. “Was ist denn Darlene?” Sie trocknete sich mit einem Handtuch die Hände ab. Als sie Mulder sah, erhellte ein Lächeln ihr ganzes Gesicht. “Fox”, schrie sie auf und kam zu ihm gerannt. Mulder, der nun nicht mehr saß, sondern wieder stand, umarmte Claire, die ihm beinah um den Hals fiel. Während Mulder und Claire sich ausgiebig begrüßten, sah Scully zu einem Jungen, der im Wohnzimmer saß, welches direkt rechts neben der Haustür lag. Er schien fernzuschauen und warf kontinuierlich einen Ball, den er jedoch nicht richtig beachtete, in die Luft und fing ihn wieder. “Und Sie...” empfing Claire nun auch Scully. “Dana Scully”, vervollständigte Scully den Satz und lächelte. Claire hielt ihr die ausgestreckte Hand hin und Scully schüttelte sie. “Ich bin Claire.” ‘Ach nein, was Sie nicht sagen’, dachte Scully sarkastisch und räusperte sich. Damit hatte sie jetzt wirklich nicht gerechnet. Claire bat die beiden Agenten nun endlich herein. Nachdem sie die Tür geschlossen hatte, wandte sie sich zu dem Jungen, der auf der Wohnzimmercouch saß. “Jason, könntest du nicht auch mal hallo zu unseren Gästen sagen?” Er reagierte nicht und starrte weiter auf den Bildschirm. Soweit Scully es sehen konnte, schaute Jason wohl irgendeine Talkshow. Durchaus bemerkenswert, wenn man bedachte, dass er allem Anschein nach gerade mal fünf oder sechs Jahre alt war. Claire nahm die Fernbedienung und schaltete den Fernseher aus. Jason, der gerade wieder den Ball nach oben geworfen hatte, zuckte zusammen und konnte ihn deshalb nicht mehr fangen. Er fiel zu Boden und rollte geradewegs vor Scullys Füße, die immer noch im Flur stand. Sie hob den Ball auf und trat zu dem Jungen ins Wohnzimmer. Er starrte immer noch auf die Stelle, an der die Kugel noch vor ein paar Sekunden gelegen hatte. “Hier”, sagte Scully und hielt ihm den Ball mit einem Lächeln vor die Nase. Jason schaute die Agentin mit großen Augen an. Sie hätte nur zu gerne gewusst, was er wohl dachte. Plötzlich stand Jason auf und lief die Treppe hoch, die links neben der Eingangstür in den ersten Stock führte. “Entschuldigung, seitdem mein Mann... seitdem das mit meinem Mann passiert ist, haben sie sich beide sehr verändert. Insbesondere Jason.” Claire bedeutete den beiden Agenten mit einer Geste, sich auf die Couch zu setzten. “Möchte jemand Kaffee?” Mulder schüttelte den Kopf. “Ja, ich bitte.” “Mit Milch, ohne Zucker?” Scully lächelte und nickte, daraufhin verschwand Claire in der Küche. “Woher wussten Sie...?” “... dass Claire hier wohnt? Wir haben vorgestern lang telefoniert, und sie hat mir den Weg so gut wie möglich erklärt, ich bin aber trotzdem ein paar mal falsch gefahren." “Der Kaffee dauert noch einen kleinen Moment”, sagte Claire, als sie wieder ins Wohnzimmer kam. “Ich denke, Sie sind beide müde. Ich zeige Ihnen am besten gleich die Gästezimmer.” Mulder folgte Claire die Treppe hoch. Scully zuckte nur mit den Schultern und ging ihnen nach. 4 Scully erwachte mit einem Schrecken aus ihrem Schlaf. Sie hatte etwas Seltsames geträumt, sie war vor irgend etwas weggelaufen, sie wusste nur nicht mehr wovor. Erleichtert, dass es nur ein Traum gewesen war, fiel sie wieder ins Bett zurück. Scully atmete auf und schaute aus dem Fenster. Draußen war es schon hell. Sie blickte auf den kleinen Radiowecker auf dem Nachttischchen. Es war kurz nach sieben. Sie schlug die Bettdecke zurück und stand auf. Sie erschrak erneut, als sie an der Zimmertür vorbeiging und jemand plötzlich klopfte. “Scully, sind Sie wach?” rief Mulder durch die geschlossene Tür. “Nein. Schlafe tief und fest”, schrie Scully zurück. “Wie sollte man bei dem auch Geklopfte schlafen?” sagte sie mehr zu sich selbst als zu Mulder. “Beeilen Sie sich, wir müssen los”, tönte Mulder noch lauter als zuvor. “Was ist denn passiert?” “Erkläre ich Ihnen gleich. Beeilen Sie sich.” Mulder stand nun nicht mehr vor der Tür. Scully wollte zu gern wissen, warum sie sich so hetzen musste. Ehrlich gesagt hatte sie gar keine große Lust, jetzt Nachforschungen anzustellen. Ihr war klar, dass es ihr Job war, aber dennoch war sie mehr müde als wach. Sie wünschte sich noch mal ins Bett gehen zu können, aber stattdessen ging sie ins Bad, das an das Gästezimmer angebaut war und verschloss die Tür hinter sich. Als Scully die Treppe herunter kam, wartete Mulder schon ungeduldig an der Haustür. Sie blieb auf der ersten Stufe stehen. “Wo wollen wir denn jetzt hin?” Darlene und Jason kamen aus der Küche gelaufen und Mulder hielt ihnen die Tür auf. “Wir bringen die Kinder weg”, meinte Mulder und wartete darauf, dass Scully weiterging. Doch sie blieb stehen und hob lediglich die Augenbrauen. “Die Kinder wegbringen?” “Ja”, erwiderte Mulder. “Ich habe mich jetzt so beeilt, weil wir die Kinder wegbringen? Oh nein Mulder, ich hab andere Pläne.” Sie schauten beide zu Claire, die jetzt auch aus der Küche kam. “Probleme?” fragte sie Mulder, da sie mitbekommen hatte, dass Scully nicht einverstanden war. “Nein. Nein, ich bringe sie schon weg.” Mulder schaute noch mal zu Scully, die verstand was er meinte, und folgte ihm nach draußen. Als sie zusammen in Richtung Auto gingen, an dem die zwei Kinder schon warteten, flüsterte Mulder Scully etwas zu. Claire hätte nur zu gerne gewusst, was er zu ihr sagte, doch sie konnte kein einziges Wort verstehen. Dann drehte er sich nochmals um. “Bis nachher dann.” Scully drehte sich nicht mehr um. Sie öffnete eine der hinteren Türen und wartete, bis Darlene im Auto war. Dasselbe tat Mulder mit Jason, dann stiegen auch sie beide in en Wagen. Mulder wartete, bis alle angeschnallt waren und fuhr los. “So, und wohin?” fragte Scully genervt. Sie hatte sich von diesem Tag mehr versprochen. Eben erst hatte sie sich darauf eingestellt, den Nachbarn dumme Fragen zu stellen, doch jetzt konnte sie sich nicht mit dem Gedanken abfinden, zwei Kinder in die Schule und in den Kindergarten zu bringen. “Immer gerade aus hat Claire gesagt. Dann müssten wir nach etwa einem halben Kilometer eine kleine Kirche sehen. Daneben seien gleich die Schule und der Kindergarten.” Kurz darauf sahen sie auch schon die Kirche. Sie war ziemlich groß für eine 'kleine Kirche'. Vor dem Gebäude teilte sich die Straße nach rechts und links. Links von ihr stand ein großes Haus aus Holz. Schwarze Vorhänge verbargen die Sicht nach innen und sogar die Haustür war schwarz lackiert. Rechts neben der Kirche sah man ein weiteres großes Gebäude, in hellem gelb angestrichen. Alle unteren Fenster waren mit kleinen Bären und Hasen bemalt. Die restlichen im zweiten und dritten Stock waren nicht verziert. Scully und Mulder schlossen daraus, dass sich sowohl Schule als auch Kindergarten im gleichen Gebäude befanden. Mulder hielt an und stieg aus. Auch die Kinder und Scully verließen das Auto, doch anstatt auf das Haus zuzugehen, blieb sie am Auto stehen. Mulder, der Darlene an der rechten und Jason an der linken Hand führte, bemerkte, dass Scully nicht mitkam und drehte sich um. “Was ist?” fragte er. “Machen Sie ruhig. Ich warte hier”, antwortete Scully, “wir haben ja zum Glück nichts Besseres vor”, fügte sie noch hinzu und schaute sich ein wenig um. Mulder verstand, was sie damit meinte, ließ daraufhin Darlenes Hand los und kramte in seiner Jackentasche. Als er denn Autoschlüssel gefunden hatte, warf er ihn Scully zu. “Könnte ein bisschen dauern!” Er grinste, drehte sich um und ging mit den beiden Kindern weiter. “Großartig”, meinte Scully zu sich selber und stieg an der Fahrerseite wieder ein. Scully betrat das Leichenschauhaus. Sie war sehr erstaunt, wie groß es war. Sie war nur der Meinung, dass ein so großes Leichenschauhaus eine bessere Wegbeschreibung verdiente, denn die Schilder, die einem weiterhelfen sollten waren mehr als spärlich. So hatte sie fast eine Stunde gesucht und nachgefragt. Seattle war groß, aber nun hatte sie wenigstens das Gefühl die kleinen Nebenstraßen zu kennen, durch die man sie geführt hatte. Sie war gereizt und genervt. Die Fahrt hierher hatte ihr letztes Fünkchen gute Laune ausgepustet. Nicht zuletzt war Mulder daran Schuld. Ihr fiel auf, dass sie und Mulder in letzter Zeit schon fast allergisch aufeinander reagierten. Sie hielt es für schlampig, lieber Kleinkinder Seilhüpfen zu lassen als seiner Arbeit nachzugehen. Sie wusste, dass er die Arbeit genauso liebte wie sie, aber die Kinder schienen ihm regelrecht den Kopf zu verdrehen, ganz zu schweigen von Claire. Sie stand nun in einer kleinen Halle. Sie sah fast so aus wie ein Wartezimmer in einer netten Zahnarztpraxis, nur dass hier keine Illustrierten zum Beschäftigen herumlagen. Sie schaute nach links durch eine Glasscheibe, die scheinbar zum Schutz da war und bemerkte einen kleinen Tisch und einen Stuhl dahinter. Es war ein Schreibtisch, aber keiner saß hinter ihm. Rechts von ihr ging der Gang weiter und endete an einer Tür mit Glasfenster. Sie beschloss auf die Glaswand zuzugehen. Doch als sie ankam und durch sie durch gehen wollte, war sie verschlossen. Erst jetzt bemerkte sie rechts von ihr wieder einen Schreibtisch mit Stuhl hinter einem Glasfenster. Nur diesmal saß jemand hinter dem Schreibtisch. Der Wachmann blätterte desinteressiert in einer Zeitschrift und bemerkte Scully nicht. Er schreckte erst hoch als Scully gegen die Scheibe klopfte. Der Wachmann sprach freundlich durch einen Schlitz im Glasfenster zu Scully. “Ja.” “Ich bin vom FBI.” Scully hielt ihren FBI-Ausweis vor die Scheibe. “Ich wurde hierher geschickt um eine Autopsie durchzuführen.” “Einen Moment bitte.” Der Wachmann drehte sich weg und hob den Telefonhörer des Telefons ab und drückte ein paar Tasten. Er wechselte einige flüchtige Worte mit dem Kontaktierten und wies mit einer Handbewegung, dass Scully passieren könne. Ein summendes Geräusch der Tür folgte, Scully lächelte dem Mann zu und ging durch die Tür. Der Gang führte wieder nach rechts und sie bog ab. Was sie sah, erfreute sie nicht besonders. “Na toll...” Eine weitere Glastüre versperrte ihr den Weg. Sie sah diesmal kein Fenster, sondern lediglich, dass der Gang hinter der Glasscheibe nach links führte. Dahin, von wo gerade ein älterer Mann herkam. Er sah wie ein typischer zerstreuter Professor aus. Er hatte weißes Haar, trug eine Brille und einen langen weißen Kittel. Er zog einen Schlüsselbund aus seiner Hosentasche und schloss die Glastür auf. “Ich wollte eine Autopsie durchführen.” Er schob seine Brille auf die Nasenspitze und schaute über sie hinweg auf Scully. “Sie wollen eine Autopsie durchführen?” sagte er höhnisch. “Ja. Ich bin vom FBI.” Sie holte erneut ihren FBI Ausweis aus dem Mantel und hielt ihm ihn vor die Nase. Erstaunt über den Ausweis streckte der Mann ihr plötzlich die Hand entgegen. “Dr. Albert Steward. Gerichtsmediziner und Leiter dieser Abteilung.” “Special Agent Dana Scully.” “Entschuldigen Sie, aber Sie sagten, Sie wollten eine Autopsie durchführen, ich verstehe nicht ganz...” “Doktor Steward,” begann Scully, “ich habe einen Abschluß in Forensischer Medizin und ich versichere Ihnen, dies wird nicht die erste Leiche sein, die ich obduziere.” Sie schaute den Mann herausfordernd an. Dr. Steward nahm den Blick beeindruckt entgegen und schob seine Brille wieder richtig auf die Nase. “Na schön. Dann kommen Sie bitte mit.” Er musterte Scully noch einmal, bevor er sich umdrehte und sich in Bewegung setzte. Scully verzog kurz die Mundwinkel und folgte ihm. 5 Mulder verließ das Schulgelände schnellen Schrittes. Er wusste selbst nicht, warum er es so eilig hatte. Scully hatte den Wagen und würde so bald auch nicht mehr wiederkommen. So fielen weit entfernte Schauplätze der anderen Morde, genauso wie die Zeugenbefragung, ins Wasser. Die Kinder waren versorgt und auch sonst stand nichts mehr auf dem Programm. Also, warum um Gottes Willen beeilte er sich so? Mulders Schritte wurden langsamer. Was sollte er jetzt tun? Er blieb an der Straße stehen und stütze sein Kinn auf seine Hand. Er drehte sich um und musterte die drei Gebäude hinter sich. Die Schule, die Kirche und das merkwürdige hölzerne Haus. Es entsprach einer gewissen Ironie so ein dunkel aussehendes Haus exakt neben eine Kirche zu bauen. Mulder betrachtete die drei Häuser gedankenverloren. Plötzlich schienen seine Augen wieder etwas zu fixieren. Natürlich. Er wusste nun was er tun würde. Er würde das machen, worauf er sich schon die ganze Zeit wie ein Schneekönig gefreut hatte. Er würde sich endlich wieder ein wenig mit Claire unterhalten. Wie in alten Zeiten. Ja. Das würde er tun. Genug Zeit stand ihm ja zur Verfügung. Er drehte sich wieder um und ging die Straße entlang auf der er auch hierher gefahren war. Einen vernünftigen Bürgersteig gab es nicht, so machte er aus lauter Glücksgefühl auch keine Anstalten, auf der kaum befahrenen Straße an der Seite zu gehen. Seine Gedanken waren auf Claire ausgerichtet. Was hatten Sie früher in der Studienzeit nur für einen Spaß gehabt. Sie hatten die Nächte durchgemacht, gelacht und was man sonst mit guten Freunden macht. Mulder musste lächeln. Ja, er empfand viel für Claire. Nach all den Jahren hatte er sie nie richtig vergessen. Auch nachdem er ihr nicht zurück geschrieben hatte, waren an so manchen Tagen seine Gedanken doch bei ihr gewesen. Und nun war er hier. Sie konnten sich nun endlich wieder gemeinsam an die alten Zeiten erinnern. Mulder war während des Gehens so in seine Gedanken vertieft, dass er den weißen Kleinwagen hinter ihm gar nicht bemerkte. Er kam immer näher auf ihn zu gefahren. Der Fahrer war offensichtlich auch nicht so ganz auf die Fahrbahn konzentriert. Er kramte nämlich nichtsahnend in seinem Handschuhfach herum, wobei er irgendeine heitere Melodie summte. Er griff nach einer Kassette. “Ahh, da ist sie ja”, sagte er freudig zu sich selbst, als er das Objekt der Begierde gefunden hatte. Mulder ging noch immer mitten auf der Straße und der Wagen näherte sich bedrohlich immer weiter. Der Mann klappte das Handschuhfach zu und richtete sich wieder auf. Er war nun nur noch ein paar Meter hinter Mulder und er erschrak halb zu Tode, als er den Mann erblickte. Er ließ die Kassette fallen und zog, gerade noch rechtzeitig, seinen kleinen Wagen nach rechts, um Mulder nicht über den Haufen zu fahren. Mulder wurde von den quietschenden Reifen aufgeschreckt. Er sprang hastig nach links. “Verdammter Idiot!”, schrie der Mann und schaute Mulder an. Ohne weiter auf ihn zu achten, gab er Gas und fuhr die Straße entlang. Mulder war stehen geblieben. Etwas verstört stand er auf der Straße und kratzte sich am Hinterkopf. Er wusste nicht ganz, wie ihm geschah. Noch sichtlich überrascht ging er nun an die Seite und führte seinen Weg fort. Mulder klingelte an der Tür, worauf Claire ihm auch schon nach einigen Sekunden die Tür öffnete. Mulder lächelte sie an und trat ein. “Das ging ja schnell”, meinte Claire, der nicht entgangen war, dass Mulder über anderthalb Stunden fort gewesen war. Claire und Mulder standen noch immer im Flur. Sie schauten sich verschüchtert an. Für beide war es eine komische Situation. Sie hatten sich über zehn Jahre nicht mehr gesehen. Claire betrachtete Mulder von oben bis unten. “Oh Fox,” begann sie schließlich wieder, "du hast dich wirklich kaum verändert.” Sie schaute ihn eindringlich an. Mulder bemerkte, dass sich ihre Augen mit Tränen füllten. “Ich bin so froh, dass du da bist.” Claire konnte sich nun nicht mehr beherrschen. Sie fiel Mulder weinend um den Hals und umarmte ihn so fest sie nur konnte. Mulder hielt sie fest. Natürlich war er auch froh, hier zu sein. Aber er wusste, dass ihre Freude nicht nur darauf basierte, dass sie ihn einfach nur wiedersehen konnte. Sie hatte eine schwere Zeit hinter sich, doch die noch schwierigere kam erst noch. Claire schluchzte. “Ich schaffe es nicht, Fox, ich werde es niemals schaffen.” Noch immer weinte sie und hielt Mulder fest. “Scht... Es wird schon alles wieder gut werden”, versuchte er sie zu trösten und strich ihr über das gewellte Haar. Mulder hatte Claire noch nie so erlebt. In den Jahren in Oxford hatte er nicht eine Träne von ihr gesehen. Sie war immer stark gewesen und für sie wäre Weinen mit der Todesstrafe beantwortet worden. Doch nun? Mulder schluckte. Es schockierte ihn. Aber andererseits machte es ihn auch glücklich, dass sie ihre Trauer vor ihm zeigte. Er wusste, dass Claire nie angefangen hätte zu weinen, wenn Scully in der Nähe gewesen wäre. Sie war zu Stolz, um vor anderen Leuten ihre Gefühle zu zeigen. Mulder spürte wie Claire ihre Kräfte verließen. Anstatt sich in seinen Armen zu beruhigen, wurde ihre Tränen nur noch mehr angestochen. Er fand einfach nicht die richtigen Worte um sie zu beruhigen. “Claire... du darfst nicht immer daran denken”, sagte Mulder beruhigend. “Aber das kann ich nicht”, schrie Claire fast hysterisch. Mulder hatte sie noch nie so erlebt. Sie drückte sich nun etwas von ihm weg um ihm in die Augen schauen zu können. “Ich kann es nicht”, wiederholte sie, “und das werde ich auch nie.” Sie riss sich regelrecht von ihm los und wandte sich ab. “Claire”, versuchte es Mulder, “ich weiß, es ist... es ist nicht einfach... einen Menschen, den man... den man geliebt hat...” Mulder führte den Satz nicht zu Ende. Er musste an seine Schwester denken und seine Stimme brach bei den Erinnerungen an sie. Es war jetzt so lange her und war der Meinung gewesen, dass er nach all den Jahren nun endlich keine Träne mehr für dieses Ereignis hätte aufbringen können. Aber die Freude Claire zu sehen, die ihn fast zu Tränen rührte, die Trauer seiner Schwester gegenüber und die Tatsache jetzt, wo auch Claire einen Menschen verloren hatte, den sie geliebt hatte, immer mit dem Verlust eines Menschen konfrontiert zu werden, trieben ihm die Tränen in die Augen, doch er versuchte sie zu verdrängen. Claire hörte schlagartig auf zu weinen. Sie musste zwar noch gelegentlich schluchzen, aber was Mulder sagte, erinnerte auch sie an den großen Verlust, den Mulder hatte verbüßen musste. Sie drehte sich zu ihm um. “Oh Fox”, sagte sie und schaute ihn bemitleidend an, “es tut mir leid.” “Ach, du brauchst dich nicht zu entschuldigen.” Mulder hatte sich wieder vollkommen unter Kontrolle. Beide starrten verstört auf den Fußboden. Keiner sagte nur einen Ton, nur Claire zog gelegentlich die Nase hoch. Mulder fuhr mit seiner Hand in seine Hosentasche und holte ein Taschentuch hervor um es Claire zu reichen. Sie nahm es mit dankendem Blick entgegen und putze sich die Nase. Als sie fertig war schaute sie ihn mit aufgesetzter heiteren Miene an. “Möchtest du etwas trinken?” “Gern.” Claire ging nun geradewegs in die Küche, die direkt gegenüber der Eingangstür lag. Mulder folgte ihr. Claire holte ein Glas aus dem Schrank und schaute ihn fragend an. “Wasser”, antwortete Mulder, der ihren Blick verstand. Während Claire zum Kühlschrank ging, um die Flasche zu holen, setzte sich Mulder an den Tisch, der mitten in der Küche stand. “Was hast du jetzt vor?” fragte Claire und schüttete ihm etwas ins Glas. “Ich, ich weiß noch nicht. Solange ich keinen Wagen habe, passiert sowieso nichts Weltbewegendes.” “Es ist keine große Stadt. Du kannst überall zu Fuß hingehen. Deswegen habe ich auch kein Auto.” Sie stellte die Flasche zurück in den Kühlschrank und setzte sich zu Mulder an den Tisch. Mulder hob die Augenbrauen. “Du hast keinen Wagen?” Er setzte das Glas an und trank einen Schluck. “Nein, oder hast du einen vor dem Haus gesehen?” Nein, Mulder hatte keinen bemerkt. Auch keine Garage. Also musste es wohl stimmen. “Aber was ist, wenn du irgendetwas brauchst?” fragte er schließlich. “Ach, alles was wir brauchen, gibt es hier in einem kleinen Laden, welcher von einer alten Dame geführt wird.” Claire sprach mit einem ungezwungenen irischen Akzent. Er war nicht typisch irisch, was sicher daran lag, dass sie schon einige Jahre in Amerika lebte, aber ganz wegzuhören war er nicht. “Ja, aber wie, wie... was ist, wenn ihr mal in die Stadt müsst? Was weiß ich, zum Beispiel ins Krankenhaus?” “Ja, halt mal, Fox. Zu allererst geht man mal zum Arzt und den haben wir hier auch.” Claire stand auf und ging zum Spülbecken. “Und... und Sam...”, sie schluckte, “... er hatte einen Firmenwagen.” Eine Zeit lang sagten weder Mulder noch Claire einen Ton. Mulder trank den letzten Rest aus seinem Glas und stand auf. Er ging zu Claire und stellte sich neben sie. “Lass uns über etwas anderes sprechen.” Ohne groß darauf zu reagieren, nahm Claire den Vorschlag an. Sie drehte sich um. “Was, was ist mit deiner Partnerin? Kommst du gut mit ihr aus?” Sie ging wieder an den Tisch und setzte sich hin. Mulder stellte sein Glas in die Spüle und setzte sich zu Claire. “Ja. Wir verstehen uns großartig.” Mulder wusste nicht ganz, was er hätte sonst sagen können. In letzter Zeit hatte er sich zwar des öfteren mit Scully gestritten, aber im großen und ganzen kamen sie wirklich bestens miteinander aus. “Schön”, sagte Claire nach einer Weile. “Wo ist sie überhaupt?” “So genau weiß ich das auch nicht. Sie wollte ihre Zeit nicht damit verplempern, die Kinder wegzubringen. Ich weiß auch nicht wieso. Normalerweise kommt sie gut mit Kindern aus. Besser als ich”, antwortete Mulder und faltete die Hände. Wieder herrschte Stille. Weder Claire noch Mulder wussten was mit ihnen los war. Noch nie war es ihnen so schwer gefallen, miteinander zu reden. "Willst du mir nicht die Stadt zeigen?”, fragte Mulder eigentlich nur, damit diese erdrückende Stille endlich aufhörte. Doch er merkte schnell, dass es ein Fehler gewesen war. “Was soll das Fox? Willst du die Highschool wieder aufleben lassen und diesmal der Freund der Studentin sein?” Claire sprang von ihrem Stuhl auf. “Ich habe meinen Mann verloren!” Claire starrte auf den Boden. “Es tut mir leid, Claire.” Mulder stand nun auch auf und ging auf sie zu, doch sie lief regelrecht vor ihm davon. “Nein, Fox, das kann ich nicht. Ich kann mich nicht mit dir wie früher unterhalten. Wir sind keine fünfundzwanzig mehr.” Mulder wusste nicht, was er sagen sollte. Claire hatte diese Frage völlig falsch aufgefasst. Sie ging nun wieder zum Kühlschrank und holte einen Bund Tomaten heraus. Es folgten noch andere Lebensmittel. Sie fing an alles mögliche hervorzuholen, ohne Mulder auch nur eines Blickes zu würdigen. Mulder verstand. Claire brauchte Abstand. Er verließ die Küche und ging die Treppe rechts von sich hoch. Dann würde er eben seiner Arbeit nachgehen. Das war jetzt sowieso produktiver als mit Claire ein Kaffeekränzchen abzuhalten. Er war nun oben angekommen und bog direkt in das erste Zimmer links der Tür ein. Es war Scullys Zimmer. Er war absichtlich dorthinein gegangen. Nicht um in ihre Privatsphäre einzudringen, sondern lediglich um die Akte zu holen. Normalerweise war es nicht sein Ding, sich in solche Akten einzulesen, aber was blieb ihm anderes übrig? Mulder schaute sich im Zimmer um. Es sah genauso wie sein Gästezimmer au. Nur spiegelverkehrt. Auf einem der zwei Stühle im Zimmer erblickte er auch schon die Mappe. Er ging auf sie zu und nahm sie vom Stuhl, um sich auf ihn zu setzen und anzufangen sie zu studieren. Aber nach ein paar vergeblichen Versuchen sich einzulesen, wollte er am liebsten aufgeben. Was könnte er sonst noch tun? Er schaute desinteressiert Löcher in die Luft und überlegte. Ihm fiel das seltsame Haus ein. Was hatte es denn damit auf sich? Er stand wieder auf und legte die Mappe auf Scullys Bett. Er verließ das Zimmer wieder um dann die Treppe nach unten zu nehmen. Er ging wieder in Richtung Küche und sah wie Claire eifrig in der Küche hantierte. Mulder blieb im Türrahmen stehen und schaute kurz auf seine Uhr. Es war gerade mal elf. “Claire?”, fragte Mulder vorsichtig, um sich erst einmal bemerkbar zu machen. Claire drehte sich fast dankbar um. Die ganze Zeit über hatte sie gehofft, dass Mulder wiederkommen würde, denn ihre schroffe Behandlung ihm gegenüber tat ihr mittlerweile leid. “Kann ich dir eine Frage stellen...?” Mulder blickte auf das Tomatenmesser in Claires Hand, dass sie fast bedrohend in ihrer rechten Hand liegen hatte. Claire blieb stehen, ohne sich zu rühren. Nach einer Weile hob sie langsam die Hand mit dem Messer. Mulder musste schlucken. Ein wenig Entsetzen machte sich in seinem Gesicht breit, doch es wurde durch Erleichterung abgelöst, als Claire das Messer hinter sich auf die Ablage legte. “Warum geht’s?”, fragte sie freundlich und löste den Knoten ihrer Schürze, um sie dann auszuziehen. “Das hölzerne Haus...” “Ach”, unterbrach ihn Claire direkt und nahm auf einem der Stühle Platz. “Das Haus...” Sie musste kurz lachen. “Ein lustiger Kauz wohnt dort. Er ist wirklich liebenswürdig, aber wirklich etwas... verrückt.” Mulder setzte sich zu ihr. “Was meinst du mit ‘verrückt’?” “Naja. Er verläßt kaum das Haus. Und wenn er sich mal der Außenwelt zeigt spricht er kaum mit den anderen Leuten in seiner Umgebung. Aber mit Kindern. Mit Kindern kann er wirklich gut umgehen. Er kennt jedes einzelne in dieser Vorstadt. Es sind ja auch nicht so viele. Die meisten gehen ihn regelmäßig besuchen. Ich denke es liegt daran, dass er selbst ein wenig wie ein Kind ist. Die Leute sagen er sei... geistig behindert.” “Glaubst du das auch?” Claire, die bis jetzt die ganze Zeit auf den Tisch gestarrt hatte, sah Mulder nun an. “Ich weiß es nicht.” Sie machte eine Pause. “Wie sollte ich auch?” “Du sagtest die Kinder würden ihn besuchen. Auch Jason und Darlene?” “Ja, Ich glaube schon. Ich habe nichts dagegen. Er ist immer so fröhlich, wenn die Kinder bei ihm klingeln. Er strahlt dann immer so. Es ist auch, soviel ich weiß, der einzige Grund für ihn die schwarzen Vorhänge hochzuziehen. Ansonsten sind sie nämlich immer geschlossen, aber wenn die Kinder kommen, öffnet er sie.” "Haben Darlene und Jason schon mal über ihn gesprochen?” fragte Mulder interessiert. Claire blickte wieder auf den Tisch. “Nein. Bisher noch nicht. Aber andere Kinder erzählen oft über ihn. Sein Haus sei eine wirkliche Abenteuerburg. Na ja, du kennst ja Kinder”, Claire lachte und auch Mulder musste grinsen, “sie phantasieren die tollsten Geschichten, aber Kinder finden eben alles Neue aufregend.” Mulder wollte gerade noch eine Frage stellen, als sein Handy klingelte. “Entschuldigung”, sagte Mulder und stand auf um die Küche zu verlassen. “Ja?” meldete er sich. “Mulder, ich bin’s”, antwortete Scully. “Scully. Wo sind Sie?” “In der Leichenhalle”, sagte Scully wenig begeistert. “Mulder, ich weiß ehrlich gesagt nicht, was ich hier soll. Ich habe mir gerade die Leiche von Samuel J. Newton angeschaut.” “Ja und?” “Ja, nichts ja und, Mulder. Er ist sicherlich ermordet worden, aber nicht von Vampiren oder sonst irgend welchen Kreaturen. Ihm wurde einfach nur das Gesicht und andere Körperteile zerkratzt.” Mulder atmete tief ein. Das wusste er. “Und das Herz fehlt”, sagte Scully fast beiläufig. “Das Herz fehlt?” Mulder dachte, er hätte sich verhört. Er runzelte die Stirn. “Nun ja, Mulder, es scheint so, als hätte es jemand mitgehen lassen. Als Souvenir oder etwas Ähnliches”, meinte Scully. “Als Souvenir?” “Ja. Könnte ja sein, dass er...” “... oder es”, korrigierte Mulder. “Ja ja, Mulder, oder sie”, nahm Scully ihn hoch. “OK, vergessen Sie’s.” “Und Sie behaupten, Sie wüssten nicht, weswegen wir hier seien?” entgegnete Mulder höhnisch. Einen Moment lang sagten beide nichts. “OK, Mulder ich gebe zu, dass ich anfangs dachte, unsere Aufgabe bestünde nur daraus, dass Sie ihre altbekannte Freundin wiedersehen. Aber nun...” Mulder stutzte. “Hören Sie, Mulder. Ich werde mir die anderen Leichen auch noch mal ansehen. Vielleicht wurden dort ja auch ein paar Geschenke für mich hinterlassen.” “Wurden die nicht schon obduziert?” “Schon”, sagte Scully und schaute durch die Augenwinkel zu Dr. Steward, der eifrigst damit beschäftigt war an einer anderen Leiche herumzudoktoren, “aber ich weiß nicht so ganz...” Sie verzog die Mundwinkel. “Ich rufe Sie nachher noch mal an.” “Ist gut.” Mulder drehte sich um und schaute in die Küche in der Claire wieder begonnen hatte, das Essen vorzubereiten. “Und was machen Sie?” “Das Mittagessen. Bis nachher.” Scully hörte das Klicken im Telefon. Mulder hatte aufgelegt. Sie schaute ihr Handy skeptisch an. “Das Mittagessen”, sagte Scully auf das Telefon, stellvertretend für Mulder, herablassend und schaltete auch ihr Handy ab.