6 Scully verließ schnellen Schrittes die Leichenhalle. Sie lief in Richtung Wagen und kramte in ihrer Manteltasche nach dem Schlüssel. Sie blieb vor dem Wagen stehen und schloss ihn auf um einzusteigen. Sie blickte auf die Uhr. “Sechzehn Uhr. Na großartig. Da sind wir heute ja weit gekommen”, sagte sie zu sich selbst und startete den Wagen um den Parkplatz zu verlassen. Sie war müde. Irgendwie war heute ganz und gar nicht ihr Tag gewesen. Die Autopsie der vier Männer war nur langsam weitergegangen, da Dr. Steward nicht gerade eine große Hilfe gewesen war. Sie wusste nicht warum, aber irgendwie hatte sie den Eindruck, dass Dr. Steward ihr nicht zugetraut hatte, die Männer zu obduzieren. Die ganze Zeit über schien es ihr, als ob er nur darauf gewartet hätte, dass sie einen Fehler machte, aber vergeblich. Sie obduzierte die Leiche wahrscheinlich genauer, als es Dr. Steward je getan hatte. Vielleicht lag es daran, dass es für Scully keine Routineuntersuchung war wie für ihn. Sie war hier, um einen Fall zu lösen, er um seine Provision zu kassieren. Scully atmete tief ein. Sie fror. In den Leichenhallen herrschten immer Temperaturen wie am Nordpol. Nur schade, dass man keine Autopsie mit Winterhandschuhen durchführen konnte. Ja. Das war eine Marktlücke, dachte Scully. Gummihandschuhe, die die Hände aber so warm hielten als seien es Winterhandschuhe. Scully musste über sich selbst lachen. Es war offensichtlich, dass ihr die kalte Luft irgendwann mal den Verstand rauben würden - oder die vielen Leichen. Sie bog auf den Highway ein. Sie machte sich keine Gedanken darüber, ob sie die richtige Abfahrt gewählt hatte. Sie fuhr nach Gefühl. Sie hatte eben so lange diese verdammte Karte studiert, dass sie meinte, sie würde es schon finden. Auch wenn sie vorhin eher durch die kleinen Gassen kutschiert war. Scully kramte mit der rechten Hand in ihrer Manteltasche. Hatte sie nicht noch die Kassette von Mulder? Ja. Sie griff nach ihr und steckte sie in das Radio. Doch alles andere als schöne Klänge bekam sie zu hören. Ziemlich laute Punkmusik ertönte aus dem Radio. Scully erschrak so sehr, dass sie aus Versehen ein kleines bisschen zu sehr nach rechts fuhr und beinahe die Leitplanke streifte. Sie zog den Wagen wieder zurück auf die eigentliche Straße und holte die Kassette schnellstens wieder aus dem Radio. Sie atmete erleichtert aus und warf den Tonträger etwas verstört hinten auf den Rücksitz. Sie verzog die Mundwinkel. Seit wann hörte Mulder Punkmusik? Na ja, Mulder war schon immer für ein paar Überraschungen gut gewesen, aber diese Seite seiner Persönlichkeit hatte sie noch nicht gekannt. , dachte Scully und bog vom Highway wieder runter. Sie konnte es nicht fassen. So wie es aussah, war sie doch tatsächlich richtig gefahren. Jetzt war sie zehn Minuten unterwegs und befand sich trotzdem schon auf der Straße, die sie wieder zur Vorstadt brachte. Ohne Karte. Und vorhin? Vorhin war sie mit Karte fast eine Stunde gefahren. Was war das nur für eine Welt? Sie parkte vor dem Haus, stieg aus und schloss ihn ab. Kurz vor der Türe blieb sie stehen und stockte einen Moment. Dann drehte sie sich um und ging wieder auf den Wagen zu. Sie sperrte die Türe auf und holte vom Rücksitz die Kassette. “Werden wir doch mal sehen, was Mr. Mulder dazu sagt”, meinte Scully lächelnd zu sich selbst und sperrte erneut ab, um dann den Weg zur Tür erneut aufzusuchen. Sie klingelte und es dauerte auch nicht lang bis ihr Darlene die Türe öffnete. Sie bat Scully herein und die Agentin trat schmunzelnd in den Flur. Mulder kam auch direkt auf sie zu. Er sah ungewohnt glücklich aus. Ja, er strahlte über das ganze Gesicht. “Mulder, was ist los mit Ihnen”, lachte Scully. “Nichts”, antwortete Mulder und drängte Scully wieder in Richtung Türe. “Was soll das?” fragte Scully immer noch lächelnd. “Wir holen Jason ab.” “Von wo?” Scheinbar konnte Scullys Laune noch nicht mal durch die Tatsache, dass sie jetzt wieder Babysitter spielen sollten, vermiest werden. Sie musste immer noch lächeln. “Vom Kindergarten”, sagte Mulder und öffnete die Tür. Scully atmete laut die Luft aus. “Na schön”, sagte sie schließlich und verließ wieder das Haus. Sie konnte um ehrlich zu sein nicht verstehen, weswegen Mulder das nicht allein konnte. Scully ging auf den Wagen zu und hörte nur noch, wie Claire Mulder rief. “Fox?” Scully drehte sich um. Hatte sie eben ‘Fox’ gesagt? Scully sah wie Mulder und Claire ein paar flüchtige Worte wechselten und Mulder dann auf sie zu ging. “Was ist los, Scully? Sie stehen da wie bestellt und nicht abgeholt”, sagte Mulder im Vorbeigehen. “Tja, ich habe auf Sie gewartet... Fox”, sagte Scully herausfordernd. Die beiden stiegen in den Wagen, nachdem Scully ihn von der Beifahrertür aus aufgesperrt hatte. “Bitte”, sagte sie und warf Mulder die Autoschlüssel zu. Doch kurz darauf hielt ihm Scully auch schon die Kassette vor die Nase. “Sagen Sie, Fox...” Scully betonte höhnisch das ‘Fox’, “seit wann hören sie Punkmusik?” “Ach”, antwortete Mulder und schnallte sich an. “Das ist nicht meine, das ist Claires.” Mulder nahm Scully die Kassette ab und steckte sie ein. “Ach schade”, meinte Scully und schnallte sich auch an ”wäre mal was anderes gewesen. Sie mit grünen Haaren und zerschnittener Lederjacke...” Scully schmunzelte und schaute aus der Frontscheibe. Mulder schaute sie nur kurz an und startete dann den Wagen. “Warum haben Sie nicht mehr angerufen?” fragte Mulder. “Geben Sie zu, Mulder, Sie hatten Wichtigeres zu tun, als sich mit mir zu unterhalten.” Scully schaute ihn kurz an. Mulder verstand. “Ich bin nur der Meinung, dass Claire jetzt ein bisschen Hilfe gebrauchen könnte”, sagte Mulder entschuldigend. Sie waren nun vor der Schule. Mulder stieg aus und winkte ab, als Scully es ihm gleichtun wollte. “Lassen Sie, Scully. Das schaff ich schon.” Mit diesen Worten ging Mulder auf das Gebäude zu und verschwand hinter der Eingangstür. Scully schaute aus der Frontscheibe auf das seltsame hölzerne Haus. Die Tür öffnete sich und ein Mann Mitte dreißig kam mit einem kleinen Jungen heraus. Es war Jason. “Na offensichtlich nicht”, sagte Scully, aufgrund Mulders letzten Satzes, und stieg aus. Der Mann kam nichtsahnend mit dem Jungen auf Scully zu. “Hey Mister”, rief Scully ihm zu. Doch dieser erschrak so sehr, dass er Jasons Hand los ließ und wieder in sein Haus zurück lief. Scully wollte ihm hinterher laufen, da hörte sie plötzlich Mulders Stimme ein paar Meter hinter sich. “Scully.” Sie drehte sich um. “Was ist?” Mulder kam auf sie zu gelaufen. “Was soll das?” “Lassen Sie’s gut sein.” “Mulder, was... was...”, stotterte Scully, doch Mulder beachtete sie kaum. Er ging zu Jason, nahm ihn an der Hand und ging dann in Richtung des Wagens. Scully zuckte mit den Schultern und folgte Mulder. “Können Sie mir vielleicht mal erklären, was das soll?” “Gleich”, antworte Mulder und half Jason in den Wagen. Scully stieg auch ein. Sie kam irgendwie nicht mehr ganz mit. Mulder nahm nun neben ihr auf dem Fahrersitz Platz und schnallte sich seelenruhig im Schneckentempo an. “So. Was ist hier los?” fragte Scully ungeduldig. Mulder deutete nur mit einem flüchtigen Blick nach hinten auf Jason, der aus dem Seitenfenster schaute. Scully preßte die Lippen zusammen und schnallte sich an. Für ihre Begriffe verhielt sich Mulder seiner Arbeit gegenüber nicht angemessen. Sie fragte sich, was er heute außer ‘Hausfrau spielen’ wohl sonst schon so alles getan hatte. “Mulder, was haben Sie denn heute eigentlich gemacht?” fragte Scully herausfordernd. “Den Abwasch”, scherzte Mulder und startete den Wagen. Witzig, wirklich witzig, dachte Scully. Vielleicht würde Mulder jetzt mal endlich in Erwägung ziehen, ihr diese ganze Situation zu erklären. Es war ja möglich, dass es ganz normal war, dass Jason von diesem seltsamen Mann an der Hand geführt wurde, anstatt im Kindergarten mit Fingerfarbe herum zu matschen, aber dann hätte er es ihr auch mal langsam verständlich machen können. Er blieb wieder an der altbekannten Stelle vor Claires Haus stehen und stieg aus. Er half Jason beim Abschnallen, der noch erhebliche Probleme dabei hatte. “Vielleicht sollten wir uns einen Kindersitz zulegen”, meinte Scully genervt und ging schon mal auf die Haustür zu. Sie hätte jetzt nur zu gerne gewusst, warum sie unbedingt hatte mitgehen müssen. Da er ihr sowieso nicht auf die Fragen antwortete, die sie wissen wollte, hätte er auch sehr gut alleine fahren können. Nachdem er das Auto abgesperrt hatte, folgte Mulder mit Jason an der Hand. Die Tür wurde von Claire geöffnet, ohne dass jemand geklingelt hatte. Scully ging süß-sauer lächelnd hinein und zog sich den Mantel aus. Als Mulder eintrat, schaute Scully ihn bedeutend an. Mulder verstand, was Scully damit ausdrücken wollte. Sie war in nächster Zeit nicht gewillt, weitere unnütze Aktivitäten zu unternehmen. “Werde ich noch gebraucht?” fragte Scully. Mulder schüttelte den Kopf und begann Jason aus der Jacke zu helfen. Scully deutete mit dem Zeigefinger nach oben. “Dann werde ich mal brav auf mein Zimmer gehen”, sagte sie gespielt freundlich und nahm die Treppe nach oben. “Einen schlechten Tag gehabt?” fragte Claire und nahm Mulder Jasons Jacke ab um sie an die Garderobe zu hängen. “Ich nicht”, antwortete Mulder und deutete mit den Augen nach oben. Im nächsten Moment tat Mulder diese Geste aber auch schon wieder leid. Er verstand, warum Scully auf einmal so genervt war. Natürlich war es eigentlich unnütz gewesen, sie mitzunehmen, aber er hatte es eigentlich nur getan, damit sie sich mal kurz ungestört alleine hätten unterhalten können. Aber das war ja ganz schön daneben gegangen. Er gab auch zu, dass er sich wirklich nicht besonders kooperativ Scully gegenüber verhielt. Na ja, er konnte ja noch einmal mit ihr darüber reden. Aber das hatte Zeit. Mulder folgte Claire in die Küche und setzte sich zu Darlene an den Küchentisch, die eifrig über ihren Hausaufgaben brütete. Scully öffnete die Tür des Gästezimmers. Sie war ziemlich genervt. Was bildete sich Mulder eigentlich ein? Sie verstand sehr wohl, dass Claire es jetzt vielleicht im gewissem Maße nötig hatte, umsorgt zu werden, aber deshalb brauchte Mulder jetzt auch nicht das brave Hausmädchen spielen. Sie warf ihren Mantel über den Stuhl, auf dem Mulder versucht hatte, die Akte zu studieren. Sie ging zu dem kleinen Tisch, der vor dem Fenster des Zimmers stand und setzte sich auf den Stuhl. Sie stützte den Kopf auf ihre beiden Hände und atmete tief ein. Mulder war die letzten Tage ein richtiges Problemkind gewesen. Außerdem behinderte er mit seinem Aufwand für Claire ihre Ermittlungen. Scully überlegte, ob es nicht besser wäre, doch in ein Hotel umzusiedeln. Denn wenn Mulder so weiter machte, würden sie dieses Jahrtausend nicht mehr fertig werden. Wahrscheinlich würden sie erheblich durch seine ‘Hochzeit’ mit Claire aufgehalten werden. Scully musste über diesen Gedanken schmunzeln. Mulder im feinen, womöglich weißem, Anzug. Ob er sie als Trauzeugin nehmen würde? Sie schloss für einen kurzen Moment die Augen. Jetzt war nicht unbedingt der richtige Moment, um über so etwas nachzudenken, auch nicht, wenn es keinesfalls ernst gemeint war. Scully ließ ihre Gedanken schweifen. Wie sollten sie denn jemals diesen idiotischen Fall abschließen, wenn Mulder seine Arbeit so schleifen ließ? Sie öffnete nun die Augen und rieb sich die Schläfen. Sie wusste nicht wieso, aber irgendwie hatte sie plötzlich einen Ohrwurm. ‘Things can only get better’ oder so ähnlich. Sie hatte diesen Song vor Ewigkeiten irgendwann einmal im Radio gehört, aber nun traf er irgendwie genau ihre Situation. <'Things can only get better', in der Tat>, dachte Scully. Sie beobachtete desinteressiert das gegenüberliegende Haus. Plötzlich öffnete sich die Tür. Ein kleines Mädchen kam hinaus und stellte sich auf die Veranda, kurze Zeit später verließ auch ein gut gebauter Mann mit zwei Kürbissen unterm Arm das Gebäude. Scully wurde schlagartig an etwas erinnert. War nicht bald Halloween? Ja, in einer Woche. Scheinbar blieb noch nicht mal eine so kleine Vorstadt von solch einer Tradition verschont. Die Agentin sah weiter zu wie das Mädchen begeistert die Kerze in das Innere des Kürbisses stellte und sich darüber freute, dass die Fratze zu leuchten begann. Scully schloss erneut die Augen, ihre Gedanken drifteten schon wieder zu ihrem Fall. Sie hätte Mulder ja gerne erzählt, dass es sonst nichts Weltbewegendes über die Autopsien zu berichten gab, aber da es Mulder sowieso nicht interessierte, war das auch egal. Es wäre vielleicht ganz sinnvoll, wenn er sich wenigstens für das entwendete Herz interessieren würde. Aber nein. Er hatte ja Besseres zu tun. Scully überlegte einen Moment. Sie musste zugeben, dass ihr erster Verdacht nun falsch gewesen war. Anfangs, vor den Autopsien, hatte sie einen kurzen Moment lang Claire im Verdacht gehabt, weswegen sie auch etwas gegen den Aufenthalt an diesem Ort gehabt hatte. Sie hatte ein schlechtes Gefühl gehabt, als sie Claire gegenüber gestanden hatte, wodurch sie letztendlich darauf gekommen war, dass ja schließlich auch sie die Mörderin ihres Mannes hätte sein können, wusste sie schon gar nicht mehr. Sie hatte es aber auch, Mulders Verhalten wegen, nicht in Betracht gezogen, ihm etwas von ihrem Verdacht zu erzählen. Jetzt im Nachhinein wusste sie auch, dass sie es auch auf Rücksicht auf seine Gefühle nicht hätte tun dürfen. Es war unprofessionell und unter Umständen lebensgefährlich. Scully öffnete wieder die Augen. Sowohl der Mann, als auch das Mädchen waren nun von der Veranda verschwunden. Nur die zwei Kürbisköpfe grinsten sie frech an. Ja ja, der gute alte Jack, dachte Scully, als es plötzlich an der Tür klopfte. “Ja?” fragte Scully und wandte sich zur Tür. Die Tür öffnete sich einen Spalt und Mulder lugte hindurch. Scully musste lächeln. Sie fand es ziemlich komisch, wie Mulder, wie ein kleiner Welpe, durch die winzige Öffnung blickte. Mulder trat nun ganz ein und schloss hinter sich die Tür. Er atmete tief ein und ging etwas verschüchtert auf Scully zu. “Scully, ich... es tut mir leid. Ich glaube ich hab irgendwie meinen Kopf verloren. Ich war so froh, Claire wiederzusehen. Ich...” “Mulder”, unterbrach Scully seine Wortflut, “ist schon gut.” “Ja”, sagte Mulder fast dankbar darüber, dass Scully so schnell verstand. “Es wäre nur ganz hilfreich, wenn Sie nun endlich wieder mit mir zusammenarbeiten würden.” Mulder lächelte Scully an. “Kein Problem.” Minuten lang sagte niemand der beiden einen Ton, bis Scully das Gesprächsfeuer wieder entfachte. “Sagen Sie, Mulder, was war eben los?” “Das mit Jason?” “Ja. Ich meine Sie müssen zugeben, dass es nicht besonders einleuchtend für mich ist, wenn ich Jason mit einem ziemlich verrückten Typen sehe, der direkt fluchtartig wegrennt, wenn man ihn nur anspricht. Das war ein bisschen auffällig. Besonders dieses Haus.” “Er ist, soweit ich weiß, in Ordnung. Er hat viel mit den ganzen Kindern hier zu tun, scheint aber so gut wie keinen Kontakt zu ihren Eltern oder anderen Erwachsenen zu haben”, antwortete Mulder und nahm auf dem Stuhl neben Scully Platz. “Woher wissen Sie das?” Scully runzelte die Stirn. Scheinbar hatte Mulder doch gearbeitet. Mulder stockte, er wusste nicht ob er ihr antworten sollte. “Von... Claire”, sagte er stockend. Scully ging darauf gar nicht weiter ein. Sie überlegte. “Warum er nur etwas mit den Kindern zu tun hatte, wissen Sie aber nicht... Oder doch?” “Nein”, sagte Mulder. “Aber apropos Kinder. Wann wollen wir uns eigentlich mal mit den Kindern im Koma beschäftigen?” Scully atmete genervt ein. Diesen Satz hätte sich Mulder nun ganz bestimmte sparen können. Weswegen hatten sie denn soviel Zeit verloren? Wohl doch nur wegen ihm. “Von mir aus kann es gleich losgehen”, antwortete Scully ironisch mit genervtem Unterton. “Ja. Das ist eine gute Idee”, sagte Mulder erhob sich von Stuhl um dann das Zimmer zu verlassen. Scully blieb noch immer sitzen und schaute Mulder etwas überrascht mit entsetztem Gesichtsausdruck nach. Sie schluckte. Mulder schaute noch einmal kurz um die Ecke. “Kommen Sie Scully. Sonst kommen wir zu spät zum Abendessen”, witzelte Mulder und ging nun endgültig die Treppe runter. Scully erhob sich nun und schnappte sich ihren Mantel vom Bett, wobei sie versehentlich die Akte mit sich zog. Scully machte sich keinen Kopf deswegen, hob die Papiere auf, um sie auf den Tisch zu legen und verschwand wie Mulder aus dem Zimmer. 7 Scully und Mulder traten gemeinsam durch die Tür des Krankenhauses, in dem die Kinder liegen sollten. Scully erinnerte die Eingangshalle dort stark an die Leichenhalle. Das Krankenhaus war fast genauso eingerichtet, nur diesmal stand in der großen Halle neben den Stühlen ein kleiner Tisch mit Illustrierten. Während Scully noch mitten in der Halle stand, ging Mulder zu einer Frau im weißen Kittel, die hinter einer Art Theke saß. Scully hatte weder diese Theke noch diese Frau gesehen. Erst als sich Mulder mit ihr unterhielt, fiel es ihr auf und sie machte sich auf den Weg zu Mulder. Einige Schritte bevor sie angekommen war, drehte sich Mulder um und zeigte mit dem Finger nach rechts den Gang entlang. “In den Aufzug, zwei Etagen hoch. Das ist die Kinderstation”, sagte Mulder und ging den Gang hinunter um den Aufzug zu holen. Scully brachte nur ein kleines ‘eh’ heraus, worauf sich die Frau im weißen Kittel offenbar angesprochen fühlte und zu Scully aufsah. Scully lächelte nur entschuldigend und folgte Mulder den Gang hinunter in den Aufzug. Sie betrat den Aufzug und wollte den Knopf zur zweiten Etage drücken. “Hab schon gedrückt”, hielt Mulder sie auf. Scully drückte protestierend auf den Knopf und schaute Mulder an, der sie jedoch ignorierte. “Was wollen Sie jetzt tun?” fragte Scully schließlich, nachdem sich der Fahrstuhl in Bewegung gesetzt hatte. “Mal sehen”, antwortete Mulder. Für eine weitere Frage blieb Scully keine Zeit da sich die Fahrstuhltür öffnete. Sie waren unverwechselbar auf der Kinderstation. Die Wände waren mit Fingerfarbe bemalt und verschiedene selbstgemalte Bilder hingen an den Wänden. Auch das Kindergeschrei wies gnadenlos auf eine Kinderstation hin. Zögernd stiegen Scully und Mulder aus dem Aufzug und kamen auf einen Gang, der dem auf der untersten Etage nicht ganz unähnlich war. Sie schauten sich beide etwas verwirrt um. Plötzlich kam hinter ihnen ein kleiner Junge angelaufen. Er schrie wie am Spieß, so dass Scully und Mulder auf ihn aufmerksam wurden und sich umdrehten. Das Kind, etwa fünf, hatte Tränen in den Augen und lief auf die beiden Agenten zu. Erst jetzt erblickten sie eine Krankenschwester, die seine Verfolgung schon aufgenommen hatte. Der Junge lief nun an Scully und Mulder vorbei, geradewegs auf die Besuchertoiletten zu. Er blieb vor der Damentoilette stehen, stellte sich auf die Zehenspitzen um die Türklinge zu erreichen und öffnete die Tür, um hinter ihr zu verschwinden. Während dieser ganzen Prozedur schrie er immer noch, als sei der Teufel selbst hinter ihm her. Die Krankenschwester kam nun auch, etwas aus der Puste gekommen, auf die Agenten zu. Sie hatte gesehen, dass ihr kleiner Patient in der Damentoilette verschwunden war und blieb daraufhin kapitulierend bei Scully und Mulder stehen. “Kann,” sie war ziemlich aus der Puste und schluckte. ”kann ich Ihnen helfen?” Scully schaute zur Tür, hinter der der Junge eben verschwunden war, und schaute dann zur Schwester. “Blut abnehmen”, sagte sie fast entschuldigend, als sie Scullys fragende Blicke empfing. “Ich weiß auch nicht, dabei ist das gar nicht mal so schlimm. Aber versuchen Sie mal, das einem Fünfjährigen beizubringen.” Scully schaute wieder zur Tür und sah, wie sie sich einen Spalt öffnete. “Kann ich Ihnen jetzt irgendwie weiterhelfen?” fragte die Schwester erneut. “Ja”, antwortete Mulder, “wir sind vom FBI.” “Vom FBI? Ach, dann sind Sie sicher wegen der Kinder hier, nicht wahr.” Scully schaute sie erstaunt an. Woher wusste sie das denn schon? Soviel sie wusste hatte niemand das Krankenhaus von ihrer Ankunft informiert. Mulder sah Scullys fragenden Gesichtsausdruck und löste das kleine Mysterium mit einer simplen Antwort. “Als Sie Leichen aufschlitzten, hab ich mal ganz fix hier angerufen.” Mulder grinste Scully überlegen an. “Mir war von Anfang an klar, dass wir heute noch hier hinfahren würden”, fügte er noch hinzu und wandte sich wieder zur Krankenschwester. “Auf welchen Zimmern liegen denn die Kinder?” “Die haben wir alle, bis auf einen Patienten, auf ein Zimmer gelegt”, antwortete die Schwester. “Und weswegen den anderen Patienten nicht?” fragte Scully. “Weil nur noch zehn Betten auf dem Zimmer zum Belegen frei waren”, erwiderte die Schwester freundlich. “Sie gehen einfach hier den Gang geradeaus und dann die letzte Tür rechts”, meinte sie und deutete in die entgegengesetzte Richtung der Toiletten. “Ich muss dann mal langsam den Wildfang wieder in seinen Käfig zurück bringen. Wenn Sie mich brauchen...” Sie deutete mit ihrem Finger auf die Damentoilette. Es war nicht nötig den Satz zu Ende zu sprechen. “Viel Glück”, meinte Mulder und ging den Gang hinunter. Scully folgte ihm. “Vielleicht sollten die mal bei den Kindern, die im Koma liegen, Blut abnehmen, unter Umständen werden die dann auch wieder so lebendig”, sagte Mulder zu Scully im Bezug auf die Flucht des Jungen und klopfte an die Tür. Scully sah Mulder nur mal komisch an. Sie fragte sich, wieso er bei Komapatienten an die Tür klopfte. Mulder öffnete die Tür nicht. dachte sich Scully. Naja, warum auch immer, sie wollte vor der Tür jedenfalls keine Wurzeln schlagen und öffnete sie. Beide Agenten traten ein. Das Zimmer war mit zehn Betten ausgestattet. Fünf waren an der einen, und fünf an der anderen Seite aufgestellt. Die Vorhänge, die man bei Bedarf zur Abtrennung vorziehen konnte, waren alle zurückgezogen. Neben jedem Bett standen ein paar ziemlich große Apparate, die Mulder alle nicht einordnen konnte. Woher denn auch? Gelegentlich hörte man das Piepen eines Gerätes, wobei man nicht genau sagen konnte, welches jetzt gepiept hatte. Vor dem vorletzten Bett der linken Seite saß eine junge Frau und schluchzte vor sich hin. Sie hatte nicht bemerkt, dass sie Gesellschaft bekommen hatte. Scully und Mulder gingen nun auf die Frau zu. Durch die Schritte wurde diese nun doch aufgeschreckt und wandte sich zu ihnen. “Guten Tag”, begrüßte Scully sie etwas unbeholfen. Die Frau wischte sich ertappt die Augen trocken. Gerade wollte Scully noch etwas sagen, doch ihr Handy fing an zu klingeln. “Ich bin gleich wieder zurück”, sagte Scully zu Mulder, lächelte der Frau entschuldigend zu und verließ schnellen Schrittes das Zimmer. Vor der Tür holte sie ihr Handy aus der Manteltasche und meldete sich. “Scully.” “Agent Scully. Hier ist Detective Drawn”, meldete sich eine ziemlich tiefe Männerstimme. “Ja?” fragte Scully und runzelte die Stirn. Was das ihr jetzt sagen sollte, wusste sie ehrlich gesagt nicht. “Mir wurde ihre Nummer gegeben und ich sollte mich im Bezug auf den Seattle ‘Outside’ Fall an Sie wenden.” “Seattle ‘Outside'...?” fragte Scully. Was sollte das denn sein? “Ach entschuldigen Sie. Das ist innerpolizeiliches Fachchinesisch. Sie wurden doch wegen der Morde und plötzlichen Komafälle konsultiert, nicht wahr?” “Ja”, entgegnete Scully, die immer noch nicht wusste, worum es eigentlich ging. “Diese Region, die Vorstadt, Curly Gad, wird bei uns nur ‘Outside’ genannt, weil kein kleiner Normalbürger mit dieser Vorstadt etwas zu tun haben will. Aber das ist eigentlich nebensächlich.” Genau das dachte Scully auch. “Also, was ich Ihnen mitteilen wollte, ich bin hier in dieser Vorstadt und zwar neben einer Leiche.” Scully öffnete erstaunt den Mund. Dieser Mann sagte das so locker, als hätte er den Mord eben selbst ohne Probleme begannen. “Nun. Dieser Mord schließt sich den anderen an. Und da Sie mit diesem Fall beauftragt wurden, hielt ich es für angemessen, Sie zu informieren.” Scully antwortete nicht. “Könnten Sie vielleicht so schnell wie möglich kommen?” “Ja... ja natürlich. Wir sind schon unterwegs”, antwortete Scully verwirrt und schaltete ihr Handy aus. Sie drehte sich um, um wieder ins Zimmer zu gehen und rannte damit direkt in Mulder, der schon eine ganze Weile hinter ihr gestanden hatte. “Was ist los?” fragte Mulder, der Scullys Abwesenheit nur zu gut spürte. Besonders in seiner Magengegend, wo Scully eben hineingerannt war. “Entschuldigung, Mulder”, sagte sie. “Wir müssen sofort wieder zurück.” “Wieso?” “Es gibt Neuigkeiten”, erwiderte Scully nur ganz kurz angeschlossen. “Was für Neuigkeiten?” hakte Mulder nach. Scully starrte auf den Krankenhausboden. Sie hörte lautes Kinderlachen aus einem der Zimmer. “Scully? Alles in Ordnung?” “Ja”, antwortete sie ohne Mulder anzuschauen. “Ja, ich denke schon.” Sie räusperte sich und blickte Mulder dann an. “Was für Neuigkeiten?” versuchte es Mulder erneut. “Eine weitere Leiche.” “Und was machen wir nun?” “Ich habe gesagt, dass wir sofort kämen”, meinte Scully, noch immer ein wenig in ihren Gedanken verstrickt. “Wir sind hier gerade eben erst angekommen. Ich denke wir sollten das hier erstmal zu Ende machen.” “Ich denke kaum, dass uns die Kinder im Koma weglaufen.” meinte Scully und drehte sich ohne auf eine Antwort zu warten um und ging auf den Aufzug zu. “Na schön”, sagte Mulder fast beleidigt und folgte Scully in den Aufzug. “Und was ist, wenn Sie zurück fahren und ich hier bleibe und mich nach den Kindern erkundige?” fragte Mulder, der jetzt keine Lust hatte, vom Krankenhaus, welches mitten in Seattle lag, wieder an den Stadtrand zu fahren. “Warum sind Sie so wild darauf hier zu bleiben?” fragte Scully genervt. “Warum sind Sie so wild darauf wieder zurückzufahren?” Die Fahrstuhltür öffnete sich und Scully verließ mit einem gewissen Tempo den Aufzug, um den Ausgang aufzusuchen. Mulder lief ihr hinterher. Er holte sie an der Tür ein. “Scully”, versuchte er mit ihr Kontakt aufzunehmen. Doch sie öffnete die Tür und ging raus. Scully ließ die Tür los, so dass sie zurückschwenkte und noch vor Mulder zufiel, und er beinahe gegen sie gelaufen wäre, weil er damit gerechnet hatte, Scully würde sie aufhalten. “Scully warten Sie doch mal”, schrie Mulder ihr hinterher. Scully blieb stehen, drehte sich um und ging auf Mulder zu. Mulder ahnte, dass jetzt nichts Gutes kommen konnte. “Was ist los Mulder?” “Gar nichts ist los”, sagte Mulder mit Unschuldsmiene. ”Bei Halloween werde ich immer so verrückt”, fügte er hinzu, um Scully zu provozieren. “Wenn Sie schon bei Halloween so einen Aufstand machen, was ist dann erst an Weihnachten? Stecken Sie sich Christbaumkugeln in die Hose, tanzen auf dem Tisch und singen den ganzen Tag lang ‘Jingle Bells’?” “Nein, da bin ich den ganzen Tag lang unterwegs, um die Geschenke zu verteilen”, entgegnete Mulder und schaute Scully herausfordernd an. Scully ging aber nicht weiter darauf ein. Sie atmete tief ein streckte ihm nur wortlos die Hand entgegen. Mulder verstand. Er holte die Wagenschlüssel aus seiner Manteltasche und knallte sie Scully regelrecht in die Hand. Gleichzeitig drehten sich beide Agenten um. Mulder ging wieder zurück ins Krankenhaus und Scully ging auf den Wagen zu. “Ich tanze also auf dem Tisch und singe ‘Jingle Bells’”, äffte Mulder beim Gehen Scully nach. “Er verteilt also urplötzliche die Geschenke”, äffte Scully währenddessen Mulder nach und schloss den Wagen auf. 8 Scully fuhr wieder am Schild, das ihr sagte, dass sie jetzt ‘Curly Gad’ erreichen würde, vorbei. Während der Fahrt war es ziemlich dunkel geworden. Die vielen Lichter der Streifenwagen, die sich alle in der einzigen durch die Vorstadt führende Straße aufhielten, erhellten die ganze Umgebung im Umkreis einer halben Meile als wäre es hellichter Tag. So konnte Scully schon von weitem das meiste von dem erkennen, was dort vor sich ging. Sie kam den blinkenden Blaulichtern immer näher und konnte bald sehen, dass sich alle Wagen vor einem Haus versammelt hatten. Scully fuhr soweit es die parkenden Streifenwagen zuließen weiter und parkte an der nächstbesten Stelle vor dem Haus, das genau gegenüber dem der Newtons, Scullys und Mulders vorläufige Herberge, lag. Es war genau das Haus, das Scully vor ein paar Stunden beobachtete hatte. Das Haus vor dem das kleine Mädchen und ihr Vater fröhlich die Kürbisse aufgestellte hatten. Scully schaute von ihrem Wagen aus auf die Veranda des Hauses. Ein Kürbis stand noch in leuchtender Pracht auf dem Geländer, der andere lag, sofern Scully das erkennen konnte, zerschlagen auf dem Boden. Scully schnallte sich ab und öffnete die Wagentür. Sie sah zu einer kleinen Gruppe von Polizisten, die sich alle ein paar Meter ihres Wagens vor dem Haus plaziert hatten und schlug ohne den Blick von ihnen zu richten die Tür zu. Ein kleiner dicker Mann, der sich auch in der Runde befand, wurde durch das Zuschlagen aufmerksam gemacht und drehte sich. Als er Scully erblickte, lächelte er und ging auf sie zu. “Sind Sie Agent Scully?” fragte er immer noch mit einer Miene als hätte er einen Sechser im Lotto gehabt. Scully kam das ziemlich merkwürdig vor. Sie fand es äußerst unpassend, bei der Untersuchung eines Mordfalls solch ein fröhliches Gesicht zu machen. “Ja”, stotterte sie nur kurz hervor. Etwas Besseres fiel ihr beim besten Willen nicht ein, sie war durch die gute Laune des Mannes viel zu irritiert. Scully kramte in ihrer Manteltasche nach ihrem Ausweis. “Lassen Sie stecken”, sagte der Mann und grinste sie an. “Wie konnte ich einer so bezaubernden Frau keinen Glauben schenken?” Scully atmete die Luft genervt durch die Zähne ein. “Ich bin Detective Drawn”, strahlte sie der Mann an und ging einen Schritt auf sie zu, um sich dann neben sie zu stellen und betrachtete das Haus, als sei es die Freiheitsstatue. “Haben Sie den Mord schon gelöst?” fragte Scully, die sich die gute Laune des Detectives nicht Anderes erklären konnte. “Nein”, antwortete der kleine Mann, ohne den Blick vom Haus zu richten. Auch Scully konnte nun nicht anders und starrte auf das Haus, doch sie konnte nichts Merkwürdiges erkennen. “Was tun Sie da?” sprach Scully ihn an. “Wissen Sie, Agent Scully”, antwortete der Detective und richtete seinen Blick auf Scully, die ihn mit ihrer Größe sogar übertraf und seinen Blick erwiderte, “Ich habe gerade eben beschlossen, dass ich mit meiner Familie auch in ein solches Haus ziehen werde.” Scully sah ihn entsetzt an. Wie konnte sich dieser Mann nur über so etwas jetzt Gedanken machen? “Ich glaube nur, dass die Lage eine andere sein müsste. Irgendwo in den Süden. Ich weiß nicht... vielleicht Kalifornien.” Scully schluckte. Ihrer Meinung nach musste dieser Mann verrückt sein. “Meinen Sie nicht auch, dass das jetzt der falsche Zeitpunkt ist, sich darüber Gedanken zu machen?” fragte Scully. “Wissen Sie”, antwortete Detective Drawn und legte den Arm um Scully Taille. Er setzte sich in Bewegung und zog Scully mehr oder weniger mit sich, “es ist nie zu früh sich darüber den Kopf zu zerbrechen.” Scully verzog das Gesicht und entfernte angewidert, aber ohne es ausdrücklich zu zeigen, die Hand des Detectives von ihrer Taille. “Ich denke überhaupt, dass ich viel zu spät anfange darüber nachzudenken”, fuhr der Detective fort. Sie kamen jetzt an der Veranda an. Scully erblickte einen Polizisten, der - ausgestattet mit Gummihandschuhen und Pinsel - an der Eingangstür nach Fingerabdrücken suchte. Scully nutzte die Gelegenheit von Detective Drawn loszukommen und betrat die Veranda. “Entschuldigen Sie mich”, sagte sie ohne sich nochmals zu Detective Drawn umzudrehen und rannte fast fluchtartig auf den suchenden Polizisten zu. Drawn blieb etwas verwundert zurück. Er leckte sich mit der Zunge über die Lippen. “Nette Lady”, murmelte er vor sich hin. “Hat auch genau meine Größe.” Dann erblickte er ein anderes Opfer. Er entdeckte einen Polizisten, der einsam und verlassen ein paar Meter neben ihm stand und Notizen machte. Er ging auf ihn zu. “Ist das nicht ein wunderschönes Haus?” sprach er den Polizisten an. Der schaute nur verdutzt auf den Detective hinunter. “Haben Sie sich schon mal Gedanken darüber gemacht nach Kalifornien zu ziehen?” fuhr er fort... Scully hingegen sprach den nach Spuren suchenden Polizisten an. “Entschuldigen Sie.” Der Polizist blickte sie fragend an. “Ich bin vom FBI. Könnten Sie mir vielleicht sagen, was hier vorgefallen ist?” fragte Scully. “Tut mir leid”, antwortete der Polizist, ”da fragen Sie am besten den Chef.” Er deutete mit Hand auf Detective Drawn. ”Ich suche hier nur nach Fingerabdrücken.” Scully schaute ihn enttäuscht an. “Nein, danke. Mit dem habe ich schon Bekanntschaft gemacht”, erwiderte sie. “Aber hier muss es doch noch jemand anderen geben, der ein wenig Ahnung hat.” “Ja. Gehen Sie einfach geradeaus. Irgendwann müssten Sie von einem ziemlich stämmigen Mann aufgehalten werden. Detective Brooks. Fragen Sie den mal.” “Danke”, sagte Scully und betrat das Haus. Sie ging den Flur entlang, der ziemlich verwüstet war. Überall lag zerbrochenes Glas oder anderer zerbrochener Krimskrams, den Scully im Vorbeigehen nicht identifizieren konnte. Sie richtete ihren Blick nun nach vorne und sah in einem Raum, der den Flur ein paar Schritte vor ihr beendete, eine Gruppe von Polizisten. Plötzlich spürte sie eine Hand auf ihrer Schulter, und wie sie sie zurück zog. Erschrocken schaute Scully in zwei braune Augen. “Was machen Sie hier?” fragte der Mann ziemlich schroff. Scully musterte ihn kurz und entspannte sich wieder. Sie hatte den stämmigen Mann gefunden. “Sind Sie Detective Brooks?” fragte Scully und sah an dem afroamerikanischen Mann hinauf. “Wer will das wissen?” fragte er mit nicht freundlicherem Ton als zuvor. “Ich bin Special Agent Scully vom FBI.” “Dürfte ich Ihren Ausweis sehen, Ma'am.” Scully atmete genervt ein. Der eine will, der andere nicht. Sie holte ihn aus ihrem Mantel und hielt ihm dem Mann hin. Er sah ihn sich kurz an. “Dann bin ich Detective Brooks.” Seine Miene erhellte ein wenig und er hielt Scully die rechte Hand hin. Scully schüttelte sie und ließ den Ausweis wieder verschwinden. “Wissen Sie, hier kann man nie wissen”, begann Detective Brooks. “Hier läuft so manches Gesindel rum. Reporter, Plünderer oder einfach nur Chaostouristen.” Scully schaute verwundert. Sah sie etwa wie eine Chaostouristin aus? “Da macht man sich schon seine Gedanken. Da sprechen eben die Erfahrungen für sich.” Er führte Scully in das Wohnzimmer, das nicht weniger verwüstet war als der Flur, zu den drei Polizisten, die sie eben schon erblickt hatte. “Hat Sie mein Partner informiert?” sprach sie Brooks an. “Ehm...” Scully blickte ihn fragend an. “Ja. Genau. Der komische Vogel... Detective Drawn”, antwortete er, ohne dass Scully ihre Frage stellte. “Können Sie mir jetzt sagen, was hier genau vorgefallen ist?” “Nun ja”, Brooks kratzte sich am Kinn, “wir wurden angerufen. Die Nachbarn haben einen schrecklichen Schrei gehört und haben direkt die Polizei gerufen. Sie waren schon etwas skeptisch wegen der anderen fünf Mordfälle in dieser Kleinstadt gewesen”, er schaute Scully kurz an, die ihm aufmerksam zuhörte. “Tja. Jedenfalls, als eine Einheit hier ankam, war das Desaster perfekt. Man fand eine Leiche, wenn man das so nennen möchte, mitten auf dem Schlafzimmerboden.” “Was soll das heißen, wenn man das so nennen möchte?” hakte Scully nach. “So etwas Abscheuliches habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen. Dieser Mann... er war völlig zerstochen von, von, ich weiß nicht was. Ich würde sagen, dieser Mann wurde zehnmal so schlimm zugerichtete wie die anderen fünf.” Scully schluckte. Sie traute sich kaum ihre Frage zu stellen. “Kann ich den Leichnam mal sehen?” “Ja. Sie liegt noch im Schlafzimmer. Man hat die Überreste noch nicht aufgesammelt.” Detective Brooks führte Scully in das Schlafzimmer, das direkt rechts an das Wohnzimmer angrenzte. Was Scully sah, drehte ihr wirklich den Magen um. Detective Brooks hatte keinesfalls übertrieben. Was sie sah übertraf ihre Vorstellungskraft bei weitem. Der Boden war völlig mit Blut verschmutzt und wirklich präzise in Mitte des Raumes lag die Leiche des Mannes, den sie eben noch lachend mit seiner Tochter gesehen hatte. Sie war fast völlig verstümmelt, auf dieselbe Weise wie die anderen Opfer. Scully musste sich nun von diesem Bild abwenden. Sie fühlte sich komisch. Als ob sie irgendwelche absurden Visionen ereilten, sah sie dauernd das fröhliche Bild des Mannes mit deiner Tochter wie sie die Kürbisse aufstellten vor sich. “Ist alles in Ordnung?” fragte Brooks, der sah wie Scully reagierte. “Wollen Sie ein Glas Wasser?” “Nein. Es ist alles in bester Ordnung. Mir geht’s gut”, log Scully. Scully verließ nun das Zimmer, gefolgt von Detective Brooks. “War irgend jemand zur Tatzeit im Haus?” lenke Scully schließlich von sich ab. “Ja. Die kleine Tochter des Mannes.” Scully schaute ihn entsetzt aber auch fragend an. Brooks verstand ihren Blick und nickte. “Schrecklich muss das für sie sein. Ich habe selbst Kinder und wenn ich mir vorstelle, dass sie...” er führte den Satz nicht zu Ende. “Wo ist sie jetzt?” fragte Scully. “Oben. In ihrem Zimmer.” “Sie ist noch in diesem Haus?” fragte Scully entsetzt. Sie konnte nicht verstehen, wie man ein kleines Mädchen noch zusätzlich einer solch großen Belastung aussetzen konnte. “Man konnte sie beim besten Willen nicht bewegen das Haus zu verlassen. Eine Expertin ist bei ihr. Sie macht das schon.” “Kann ich sie mir mal ansehen?” fragte Scully. “Kommen Sie”, antwortete Brooks, ging durch das Wohnzimmer wieder in den Flur und bog dann nach ein paar Schritten links zu einer Treppe ab. Scully, die ihm folgte, hatte sie zuvor gar nicht bemerkt. Sie gingen beide die Treppe, die sich um 180° drehte, nach oben. Scully hörte lautes Schluchzen und nach drei Schritten standen sie auch schon vor einer Tür, die mit verschiedenen selbstgemalten Pferdebildern, behängt war. “Sie finden mich dann unten”, sagte Brooks, der es für keine gute Idee hielt, mit Scully dorthinein zu gehen. Er befürchtete, dem Mädchen Angst zu machen. Während Brooks verschwand, klopfte Scully dreimal leise an die Tür, um sie dann zu öffnen. Sie sah das kleine dünne Mädchen zusammengekauert in einer der vier Zimmerecken, schluchzend und zitternd. Auf dem Bett, das an der anderen Ecke aufgestellte war, saß die Frau, von der Detective Brooks eben gesprochen hatte. Die Dame stand auf und ging auf Scully zu. “Wer sind Sie?” fragte sie Scully unfreundlich in gesenktem Ton. “Ich bin vom FBI”, antwortete Scully, ”Dana Scully.” Die Frau schluckte ihren Ärger über sich selbst runter und reichte Scully die Hand. “Ich bin Dr. Beth Nocent.” “Sollten wir das nicht lieber draußen machen?” fragte Scully und deutete auf das schluchzende Häufchen Elend. Scully öffnete die Tür und beide Frauen verließen das Kinderzimmer. Dr. Nocent schloss hinter sich die Tür. “Ich weiß nicht mehr, was ich mit ihr tun soll. Sie ist völlig verstockt. Überhaupt nicht zugänglich. Ich habe alles schon versucht.” Scully schaute sie nur kurz unvermittelt an. “Darf ich mal?” fragte sie schließlich. “Na wenn Sie meinen”, erwiderte Dr. Nocent und öffnete erneut die Tür. Scully betrat das Zimmer. Sie bemerkte, dass ihr die Psychologin folgen wollte und hielt sie zurück. “Allein.” Dr. Nocent nickte, verließ das Zimmer und schloss hinter sich die Tür. Scully sah in die Ecke auf das Mädchen, das nun den Kopf hinter ihren Armen versteckt, auf dem Boden saß und weinte. Scully ging langsam auf das etwa fünfjährige Mädchen zu und hockte sich dann vor sie hin. “Hallo”, begann sie mit sanfter Stimme, “ich bin Dana.” Das Mädchen zitterte am ganzen Leibe. Wieder hatte Scully das fröhliche Lachen dieses Kindes vor ein paar Stunden, vor Augen. “Du brauchst keine Angst zu haben. Ich will dir nicht weh tun.” Schlagartig, als hätten diese Worte das Mädchen aus einem Bann befreit, hörte sie auf zu zittern. “Ich möchte dir gerne helfen”, versuchte es Scully weiter, die merkte, dass sie langsam einen Draht zu dem Mädchen bekam. Das Schluchzen des Kindes verminderte sich. Scully versuchte nun die Hände, die das Mädchen aus Angst und Selbstschutz noch immer vor dem Gesicht hielt zu lösen. Zu Scully Verwunderung ließ es das Mädchen zu und schaute sie nun mit großen grünen Augen an. Scully lächelte und behielt ihre Hände schützend auf den des Mädchens und es schien zu wirken. Den Schutz, den Scully zu vermitteln versuchte, nahm das Mädchen mit dankendem Blick an und hörte nun vollkommen auf zu weinen. “Wie ist denn dein Name?” fragte Scully leise um das Kind nicht zu erschrecken. “Lea”, flüsterte das Mädchen fast unverständlich. “Lea Jefferson” Lea verzog wieder ängstlich das Gesicht. Sie schien wieder in das tiefe Loch der Furcht zu fallen. “Ich hab Angst”, brach es wieder aus ihr heraus und Tränen flossen ihr über das Gesicht. Sie schaute Scully einen Moment an. Dieser Anblick schien Scully fast das Herz zu zerreißen. Diese Augen spiegelten all die Angst ihrer Seele wider. Weinend fiel Lea Scully in die Arme und hielt sie fest. Es war so, als bräuchte sie einen Halt, denn sie durch das Umarmen Scullys nun erhielt. Scully hielt Lea fest. Sie wusste, dass sie nichts anderes tun konnte, als Lea Trost zu spenden. Sie streichelte ihre über die Haare. Sie überlegte fast krampfhaft, was sie nun sagen könnte, doch sie fand nicht die richtigen Worte, also war das einzige, was zu hören war, Leas Schluchzen. Doch je mehr Sekunden verstrichen, desto unruhiger wurde Lea. Sie drückte Scully immer fester, als würde sie jemand von ihr wegziehen wollen. Scully hob Lea kurz an, um abzuschätzen, ob sie ihr Gewicht tragen konnte. Wie es aussah, war sie nicht zu schwer und Scully hob sie nun hoch. Fast aufgeschreckt dadurch, klammerte Lea sich nur noch fester an Scully. “Ich hab so schreckliche Angst”, schrie Lea. Scully hielt sie nun wie ein Kleinkind mit einem Arm und streichelte mit der anderen über ihr Haar. “Scht. Es wird alles wieder gut. Ich werde nicht zulassen, dass dir jemand etwas tut.” Scully ging nun in Richtung Tür und öffnete sie. Dann verließ sie, immer noch Lea tragend, das Kinderzimmer. 9 Scully kam mit Lea auf dem Arm schnellen Schrittes die Treppe hinunter. Brooks, der sich gerade mit Dr. Nocent über Lea unterhielt, bemerkte es und schaute Scully hinterher. Sie verließ nun das Haus. Lea weinte immer noch bitterlich und klammerte sich an Scully. “Entschuldigen Sie mich bitte”, sagte der Detective zu Dr. Nocent und wandte sich von ihr ab um dann Scully hinterherzulaufen. Scully erblickte links von sich Detective Drawn, der sich immer noch mit dem Polizisten unterhielt. Glücklich darüber, dass ihr Wagen in entgegengesetzter Richtung des Detectives stand, ging sie auf ihren darauf zu. “Agent Scully!” rief Brooks hinter ihr her. Scully drehte sich nicht um. Sie hatte ihn zwar gehört, aber das Mädchen wurde ihr allmählich zu schwer. Sie zweifelte daran, dass sie Lea, obwohl sie so dünn war, noch länger tragen konnte. Sie öffnete schnell die Tür des Rücksitzes und versuchte Lea hineinzusetzen. Brooks war nun bei Scully angekommen und stellte sich wartend neben Scullys Wagen. Scully wollte sich nun wieder erheben, doch Lea, die nun saß, ließ Scully nicht los. “Ich hab Angst”, murmelte Lea. Scully merkte, dass es keinen Sinn hatte und versuchte sich nun neben Lea zu setzten. Brooks schaute Scully nicht zu. Er beobachtete - die Hände hinter sich verschränkt - das Treiben vor dem Haus. Er hörte ein lautes Motorgeräusch und drehte sich um. Er erblickte, dass ein schwarzer Leichenwagen den schmalen Feldweg angefahren kam. Lea hielt sich immer noch verzweifelt an Scully fest. “Ich habe so große Angst”, wiederholte das Mädchen mit zitternder Stimme. “Wovor hast du Angst, Lea?” fragte Scully leise. Lea drückte sich nun etwas von Scully weg, um ihr in die Augen schauen zu können. “Vor...” Lea schluckte, “vor meiner Seele.” Scully schaute Lea verwundert an. Doch ihr fragender Gesichtsausdruck verwandelte sich in Entsetzen. Sie spürte wie plötzlich jegliche Kraft aus Leas Körper verschwand. Lea wurde kreidebleich und schwankte in Scullys Armen. Lea verdrehte plötzlich die Augen und kippte Scully kraftlos entgegen. Brooks wandte sich nun runter zu Scully. Er hatte gesehen, dass das kleine Kind in Scullys Armen zusammengebrochen war. “Ist alles in Ordnung?" fragte er, obwohl er sah, dass es nicht der Fall war. “Sie hat das Bewusstsein verloren”, erklärte Scully und versuchte Lea auf den Rücksitz zu legen. “Soll ich einen Krankenwagen rufen?” fragte Brooks. Noch bevor Scully antworten konnte, klingelte ihr Handy. “Entschuldigung.” sagte Scully und erhob sich vom Rücksitz. “Können Sie sich bitte kurz um sie kümmern?” fragte Scully und erwartete keine Antwort. Dann wandte sie sich von ihm ab und holte ihr klingelndes Handy hervor. “Ja?” fragte Scully. “Scully, ich bin’s”, meldete sich Mulder am anderen Ende. “Was ist los?” fragte Scully genervt. Sie tat es, weil sie einerseits sauer war, von Mulder bei ihrer Arbeit gestört zu werden, andererseits wegen der Sache im Krankenhaus. “Ich bin immer noch im Krankenhaus.” , dachte Scully. Wo auch sonst? “Wo sind Sie?” fuhr er fort. “In Curly Gad”, antwortete Scully gereizt. “Hören Sie Scully, das eben tut mir leid”, sagte Mulder nicht unbedingt mit einer Tonart der Reue, ”aber Sie müssen sofort ins Krankenhaus zurückkommen.” “Stellen Sie sich vor, Mulder, das hatte ich sowieso vor.” “Weswegen?” “Ich glaube, wir haben unseren zwölften Komapatienten”, sagte Scully nicht gerade begeistert. “Was?” fragte Mulder entsetzt. “Ja. Die Tochter des Mannes, der ermordet aufgefunden worden ist...” “...weswegen Sie nach Curly Gad zurück mussten?” unterbrach sie Mulder. “Ja. Sie ist gerade bewusstlos geworden. Ich werde sofort losfahren.” “Soll ich einen Krankenwagen schicken?” fragte Mulder. “Ja”, stöhnte Scully besorgt aus. “Ich glaube das ist besser.” “OK. Dann bis gleich”, verabschiedete sich Mulder. Scully presste die Lippen zusammen und schaltete auch ihr Handy aus.