16 Claire stand in der Küche, als Jason plötzlich auf ihn zukam. “Mommy”, sprach er sie an, das erste Mal, seitdem sein Vater ermordet wurde. Claire drehte sich überrascht, aber auch erfreut um. Sie ging auf den kleinen Jungen, der die Arme hinter seinem Rücken hielt zu und beugte sich zu ihm runter. “Ja, mein Schatz?” fragte Claire mit Tränen in den Augen, weil sie sich sie freute, dass Jason wieder redete. “Wo ist Daddy?” fragte er, und lächelte. Claire wandte sich von Jason ab und kehrte ihm wieder den Rücken zu. Sie presste sich die Hand vor dem Mund um ein Schluchzen zu unterdrücken. Jason lächelte immer noch, aber eher gehässig als freundlich. “Wo ist er?” fragte er energisch. Claire drehte sich um, im selben Moment, bekam sie einen heftigen Schlag in den Magen und einen weiteren auf den Kopf, so dass sie des Bewußtsein verlor. Jason guckte ohne einen Hauch von Emotionen auf seine Mutter, die sich nicht mehr rührte. Er schaute sich in der Küche um. Im Gegensatz zu seiner Mom konnte er die fünf blau-weiß schimmernde Gestalten, die nur ein paar Zentimeter großer waren als er, deutlich erkennen. Zwei von ihnen hatten diese gerade zu Boden geschlagen hatten. Sie stellten sich nun in einem Kreis um ihn, Jason schaute sich das beruhigt an. “Seelen”, flüsterte er fast begeistert vor sich hin. Immer mehr Seelen schwebten durch die Wände von allen Himmelsrichtungen ein und bildeten einen Kreis um ihn. Jason drehte sich um sich selbst und fing langsam an zu zählen. Er hatte die Zahlen zwar nie gelernt, doch sie schienen ihm nun regelrecht ins Gehirn zu fliegen. Er kam auf zwölf Gestalten, zwölf Seelen. Als er fertig war, schwebte plötzlich die letzte kindliche Seele in den Raum, sie hatte die Gestalt Leas, die in Scullys Armen zusammengebrochen war. Das kleine Mädchen schloss nun den Kreis um Jason. Alle Seelen fassten sich nun an den Händen. Als sich auch die letzten beiden berührten, flog plötzlich die Haustür auf und alle Glühbirnen in den Lampen zerplatzten in dem unteren Raum, obwohl keine einzige eingeschaltet war. Jason drehte sich langsam ruhig um. Er schaute zur Haustür, durch die weißes gleißendes Licht strömte. Wind blies Jason von der Tür ins Gesicht, so dass seine Haare zurückgeweht wurden. Jason sah, dass eine weitere blau-weiß schimmernde Gestalt, die allerdings doppelt so groß war, wie die anderen, in den Flur schwebte. Jason erkannte Trinitys Seele. Er lächelte, schloss die Augen und atmete tief ein. Der Kreis, den die kindlichen Seelen bildeten, wurde an einer Seite unterbrochen, damit Trinity hindurch schweben konnte. Hinter ihm schloss er sich wieder. Jason öffnete die Arme und hielt sie, als wolle er jemanden umarmen vor sich. Die Seele des Mannes schwebte auf Jason zu und verharrte einen halben Meter vor ihm. Jasons Körper schien Trinitys Seele förmlich aufzusaugen. Er zitterte am ganzen Leibe. Als Trinity vollkommen in dem kleinen Jason verschwunden war, schwebte der Junge in die Höhe. Die Seelen ließen nun die Hände los und traten einen Schritt nach hinten. Jason verzog das Gesicht. Sein Körper bebte und seine Hände fingen zu zittern an. Er atmete schwer und sein kleiner Brustkorb wölbte sich auf und ab. Plötzlich spreizte er seine Finger ab und das laute Knacken der Knochen war zu hören. Seine Fingernägel fingen an, in einem mörderischen Tempo zu wachsen. Sie färbten sich schwarz wurden immer länger. Jason entspannte seine Finger nun, seine Nägel blieben in ihrer jetzigen Länge. Sie sahen nun aus wie zwanzig Zentimeter lange Raptorenklauen. Der Junge schwebte nun wieder auf die Erde zurück. Als er wieder Boden unter den Füßen hatte, drehte er sich um und schaute auf seine Mutter, die reglos vor ihm lag. Er schaute eine Zeitlang auf sie hinunter ohne eine Miene zu verziehen. Dann lächelte er gehässig und fletschte förmlich die Zähne. Mulder kam am Haus der Newtons an und blieb vor der Tür stehen. Das Klingen erübrigte sich, da sie einen Spalt geöffnet war. Er lugte vorsichtig hinein. Was er erblickte erfreute ihn überhaupt nicht. Er öffnete die Tür nun ganz und ihm bot sich ein Anblick des reinsten Chaos. Sein Blick fiel sofort auf die Blutflecken auf dem Boden. Er schluckte. Scully erschien nun auch hinter ihm. Sie schaute an ihm vorbei und sah ebenfalls dieses Durcheinander: Glasscherben lagen auf dem Boden, die Möbel waren verschoben, alles, was sich bisher in den Schränken befunden hatte, war quer über den Boden verstreut. Mulder betrat nun den Flur und konnte von dort aus in das Wohnzimmer und in die Küche schauen. Es war dasselbe wie im Flur. Im Wohnzimmer lagen verschiedene persönliche Dinge im Raum verteilt, der Schrank stand ein paar Zentimeter von der Wand ab und der Sessel war umgekippt. In der Küche sah es nicht besser aus: sämtliche Gläser lagen zerschlagen auf dem Boden, auch Wasser- und Saftflaschen waren zerstört, der Saft hatte sich teilweise mit dem Blut vermischt, das den Fußboden bedeckte. Scully zog wieder ihre Waffe hervor. Mulder hatte seine erst gar nicht weggesteckt, er hatte sie auch beim Laufen in den Händen gehalten. Er setzte nun einen vorsichtigen Schritt nach vorne, dicht gefolgt von Scully. Sie schaute die Treppe hoch und sah weitere Blutflecken auf den Stufen. “Ich werde mal nach oben gehen”, meinte Scully und trat auf die erste Stufe. Mulder nickte ohne sich umzudrehen, er ging vorsichtig in Richtung Wohnzimmer. Seine Partnerin hingegen war nun oben angekommen. Sie öffnete mit gezogener Waffe das Gästezimmer, das sie bewohnte und schaute sich um, die Waffe schützend vor sich haltend. Sie bemerkte nichts Auffälliges, beschloss aber dennoch, vorsichtshalber im Bad nachzuschauen. Sie ging vorsichtig auf die Tür zu und öffnete sie mit einem Ruck, so dass es diese regelrecht gegen die Badezimmerwand schlug. Doch auch dort war sich nichts. Scully atmete erleichtert auf und drehte sich, um das Zimmer wieder zu verlassen. Sie kam an ihrer Türe an und blickte zu den Raum, der ihrem genau gegenüberlag. Das Arbeitszimmer. Sie beschloss, dort weiterzumachen. Mulder hingegen hatte das Wohnzimmer ausgiebig inspiziert, aber auch er konnte nichts Auffälliges entdecken. Er entschied sich, Scully nach oben zu folgen, doch als er in den Flur kam, bemerkte er zum ersten Mal eine weitere Türe, die sich genau unter der Treppe befand. Warum er sie die ganzen Zeit übersehen hatte, wusste er nicht. Er hatte ein schlechtes Gefühl, als er auf die Tür zu ging. Sie strahlte so eine gewisse negative Energie aus. Mulder ging langsam auf die Tür zu. Er stand nun einen Schritt von ihr entfernt, hielt die Waffe vor sich und atmete noch einmal tief durch, bevor er sie langsam öffnete. Das Zimmer war dunkel, es wurde nur von wenig Licht erhellt. Mulder tastete mit der rechten Hand nach einem Lichtschalter und knipste er das Licht an, als er endlich fündig wurde. Eine Sekunde später hatte er sich gewünscht es nicht getan zu haben, denn vor ihm lag Claire, auf dem Bauch in einer Blutlache. Mulder sah vier nebeneinander liegende Löcher in ihrem Hemd auf dem Rücken, aus denen Blut quoll. Mulder stand nur wie angewurzelt da und starrte auf ihren leblosen Körper. Er schloss für einen kurzen Moment die Augen und versuchte sich zu fassen. Ein dicker Kloß steckte in seinem Hals und er schluckte energisch die Tränen hinunter. Schließlich öffnete er seine Augen und ging auf Claire zu. Er hockte sich neben sie und drehte sie auf den Rücken. Ihr Gesicht war unversehrt. Keine einzige Schramme. Mulder sah die vier Löcher erneut, auf Claires Brust. Irgendetwas hatte sich durch sie durchgebohrt, wie bei den anderen Opfern. Mulder öffnete den Mund und atmete laut aus, dann nahm er sich zusammen und fühlte an Claires Halsschlagader. Er wusste selbst nicht, wieso er das tat. Es war wohl die Hoffnung, dass Claire vielleicht doch noch lebte, obwohl sich ihr Brustkorb keine einziges Mal gehoben hatte, seit Mulder das Zimmer betreten hatte. Der Agent fühlte nichts, er schloss erneut die Augen. Er behielt die Hand noch immer auf ihrem Hals. Er biss die Zähne zusammen. , fragte sich Mulder, < Wieso?> Sie hatte niemandem etwas getan. Wieso hatte nicht er für sie gehen können? Mulder war nun abermals den Tränen nahe. Er wollte es die ganze Zeit über nicht richtig wahrhaben, wieviel ihm Claire bedeutet hatte, auch über die ganzen Jahre, die sie sich nicht gesehen hatten, hinweg. Mulders Gedanken fuhren Achterbahn, doch sie kreisten nur um ein Thema. Warum, verdammt noch mal, hatte er sie hier nur allein gelassen? Er blickte wieder auf Claires Gesicht. Er strich mit seiner Hand über ihren Hals. Ihm war es gleichgültig, dass seine Fingerabdrücke, so auf Claire zurückblieben. Er wollte sich wenigstens so von ihr verabschieden. Mulder strich Claire mit dem Handrücken übers Gesicht. Er verzog traurig die Mundwinkel und stand dann langsam - den Blick auf den Boden gesenkt - auf. “Mulder!” wurde er von Scully plötzlich aufgeschreckt. Sie schrie in Panik. Mulder verlor keine weitere Sekunde, verließ das Zimmer und rannte die Treppe hoch. “Mulder!” schrie Scully erneut. Es kam aus seinem Gästezimmer. Mulder hielt wieder seine Waffe vor sich und ging langsam auf den Raum zu. Er schaute durch den winzigen Spalt der Tür und sah, wie Scully langsam rückwärts ging. Er öffnete die Tür mit einem Tritt. Der Agent erblickte genau vor sich Jason, der seine Hände und die langen Nägeln auf Scully gerichtet hatte und nun auf sie zuging. Nun wusste Mulder auch, was Claires Körper durchbohrt hatte, was auch die anderen Menschen getötet hatte. Er zielte mit seiner Waffe auf Jason und war sogar bereit abzudrücken, wenn Jason ihn, oder vielmehr Scully, angreifen würde. Mulders ganze Wut und Trauer stieg in ihm hoch. Er musste sich erneut die Tränen verkneifen. Jason wandte sich nun von Scully ab, auf Mulder zu. Mulder zielte nun genau auf Jasons Kopf, würde sich der Junge rühren, würde er abdrücken. Jason trat einen Schritt auf Mulder zu. Mulders Zeigefinger lag auf dem Abzug, doch mit einem Schlag wurde ihm die Waffe aus der Hand gerissen. Ein weiterer fester Hieb ins Gesicht folgte. Mulder wurde hart gegen die Wand geschleudert. Erschöpft sank er daran zusammen. Scully hatte sich das alles mit angesehen, doch sie konnte es sich nicht erklären, Mulders Waffe wurde ihm von jemand oder etwas Unsichtbarem aus der Hand geschlagen, er wurde von irgendetwas zur Strecke gebracht, das man nicht sehen konnte. Nur Jason konnte wahrnehmen, was vor sich ging. Alle dreizehn Seelen befanden sich hier in diesem Raum. Vier von ihnen hatten Mulder gerade außer Gefecht gesetzt, weitere vier standen um Scully herum, bereit sie anzugreifen, wenn sie auch nur eine falsche Bewegung machte. Doch für Mulder und Scully blieben sie weiterhin unsichtbar. Die Tür würde auf einmal zugeschmissen. Scully schaute erschrocken in die Richtung des Geräusches. Jason drehte sich wieder zu der Agentin und richtete seine Nägel auf sie. Scully sah, das sie jeweils an den Zeigefingern angebrochen waren. Mulder bewegte sich nun hinter Jason. Er wollte sich aufrichten, doch er bekam einen weiteren Schlag ins Gesicht und wurde erneut gegen die Wand gedrängt, so dass er sich nicht mehr regen konnte. Jason drehte sich um. Er sah, wie seine Seelen versuchten, Mulder in Schacht zu halten, deshalb wandte er sich wieder zu Scully und ging auf sie zu. Diese wich einen Schritt zurück. Sie schaute hilflos auf den Boden; dort lag ihre Waffe, die ihr eine der Seelen zuvor aus den Händen geschlagen hatte. Jason ging weiter auf Scully zu, diese trat immer wieder nach hinten, doch schließlich wurde sie von der Wand gestoppt. Sie fühlte mit beiden Armen an dem Gemäuer entlang ohne den Blick von Jason abzuwenden. Sie spürte plötzlich den Rahmen der Badezimmertür neben sich. Sie musste versuchen ins Bad zu kommen. Mulder versuchte sich wieder zu befreien, was Jason ablenkte. Scully nutze die Chance, drehte sich blitzschnell ins Bad und verschloss hinter sich die Tür. Erleichtert sank an ihr mit geschlossenen Augen zu Boden. Sie öffnete die Augen, ihr blieb vor Schreck, die Spuke im Halse stecken. Vor ihr hing Darlene, förmlich gekreuzigt an der Wand. In den Händen steckte etwas langes Schwarzes, das sie an de Wand festnagelte. Nun wusste Scully, was mit Jasons Zeigefingernägeln geschehen war. Sie hatte vier nebeneinander liegende Einstiche am Brustkorb. Das Blut lief die Wand hinunter. Scully brauchte sich nicht zu vergewissern, dass sie tot war, daran bestand kein Zweifel. Scully war durch den grausamen Anblick so geschockt, dass sie geistesabwesend die Badezimmertür hinter sich öffnete und rückwärts hinaus trat. Als sie sich angewidert von Darlenes grausigem Anblick, umdrehte, bot sich ihr nun aber auch kein besserer. Genau vor ihr stand nun Jason und richtete seine Nägel genau auf Scully. Er kam etwas näher. Sie wollte nach hinten treten, doch etwas hielt sie fest. Jason sah, wie zwei der Seelen Scullys Arme festhielten, so dass sie sich nicht bewegen konnte. Jason hielt seinen Arm hoch und legte seine tödlichen Krallen an Scullys Hals an. Sie schloss die Augen und schluckte, das war wohl das Ende. Jason war entschlossen, seine Krallen ganz langsam in Scullys Hals eindringen zu lassen, so dass sie jeden Zentimeter, den sich die Nägel durch ihr Fleisch bohren würden, spüren konnte. Mulder war inzwischen endlich wieder in der Lage, seine Augen zu öffnen und erblickte Scully und Jason. “Jason!” schrie Mulder entsetzt auf. Er sah, wie Jason tief einatmete, um mit der Prozedur zu beginnen. Mulder war sichtlich verzweifelt. Er hatte schon Claire verloren. , fuhr es ihm durch den Kopf. “Trinity!” schrie Mulder fast mit Tränen erstickter Stimme. Darauf schien Jason zu hören und ließ einen Moment lang von seinem Opfer ab. Er drehte sich um. Scully zitterte am ganzen Leibe und wartete darauf, dass ihrem Leben ein Ende gesetzt wurde. Nach einiger Zeit öffnete sie die Augen und sah, dass sich Jason von ihr abgewandt hatte. Mulder starrte Jason nun in die Augen. “Du bist nicht Trinity”, redete er beschwörend auf den Jungen ein. Jason schüttelte den Kopf. “Nein”, schrie er mit Trinitys Stimme. “Doch. Es ist dein Körper Jason.” Durch diese Worte erschraken die Seelen der Kinder, ließen Scully und Mulder los und gingen einen Schritt zurück. “Es ist dein Körper Jason. Nicht Trinitys. Deine Seele kann sich gegen ihn wehren”, redete Mulder auf Jason ein. Der Junge schloss die Augen und hielt sich die Ohren zu. “Neeiin!” schrie er, seine Nägel bildeten sich allmählich zurück. Jason öffnete die Augen. Seine Augen wahren wieder klar. Er schaute mit seinen Augen, nicht mit den Augen Trinitys. Er betrachtete nun seinen Hände und sah, wie sich seine Nägel langsam zurück bildeten. Er atmete tief durch. Er verstand allmählich. “Ein Mann muss tun was ein Mann tun muss”, sagte der Fünfjährige und legte seine Nägel, die sich immer noch kürzten an seinen Hals. Er schloss die Augen und stach zu. Jasons lebloser Körper sank zu Boden. Drei Nägel hatten sich in seine Kehle gebohrt. Sie bildeten sich nun nicht mehr zurück. Die Seelen verschwanden aus dem Zimmer und es kehrte wieder Ruhe ein. Scully und Mulder schauten sich erleichtert aber auch entsetzt an. Scully fasste sich mit der linken Hand an den Hals, an dem die messerscharfen Klauen zuvor angesetzt hatten. Sie spürte etwas Blut an ihren Händen. Mulder lag noch immer an der Wand und starrte auf Jason, der auf dem Bauch lag, mit den Krallen in seinem Hals. Blut verbreitete sich auf dem Boden und sein kleiner Körper bewegte sich nicht mehr. Weder Scully noch Mulder waren fähig, etwas zu sagen. Sie standen wie angewurzelt da und schauten sich gegenseitig an. Die Minuten verstrichen, bis Mulder sich langsam aufrichtete. Scully griff in ihre Manteltasche, um nach einem Taschentuch zu greifen, um sich das Blut am Hals abzuwischen, doch was sie ergriff war kein Taschentuch. Mulder sah, wie Scully plötzlich ihr Handy aus der Manteltasche zauberte. Er schaute sie fragend an. Seine Partnerin zuckte nur mit den Schultern, sie konnte sich das nicht erklären. Im nächsten Moment klingelte ihr Handy auch schon. Scully schaltete es an. “Agent Scully!” schrie ihr eine erfreute Männerstimme zu. “Hier wieder Detective Drawn.” Scully reagierte nicht. “Ich habe eine freudige Überraschung. Vor ein paar Sekunden hat man mich angerufen. Die Kinder sind alle wieder erwacht.” Scully öffnete vor Erstaunen den Mund. “Was ist los?” flüsterte Mulder, der sah wie Scully schaute. Scully hielt ihr Handy von sich weg. “Die Kinder sind aufgewacht”, wisperte Scully Mulder zu, hielt sich das Handy wieder ans Ohr und hörte Drawn wieder zu, der einfach weitersprach. “ ... danach hab ich mich erkundigt. Aber das ist ja jetzt sowieso egal”, meinte der Detective freudig. “Agent Scully?” fragte er, als Scully keine Antwort gab. “Eh, bitte was?” erwiderte Scully, die dem Polizeibeamten kaum zugehört hatte. “Ich sagte, dass ich mich erkundigt hatte, ob die Kinder bei Trinity waren, aber das ist doch jetzt sowieso nicht mehr wichtig. Hauptsache, die Kinder sind wieder wohlauf. Was haben Sie eigentlich die ganze Zeit gemacht?” fragte Drawn. Scully schaute auf Jason, antwortete aber nicht. “Hören Sie, Detective”, sagte sie dann doch nach einer Weile, “wir brauchen ein Paar Krankenwagen.” Mulder schaute sie skeptisch an. “Oder auch Leichenwagen”, korrigierte sie sich. “Nach Curly Gad? Ja. OK, ich mach das schon”, antwortete Drawn und legte auf. "Sie schicken uns ein paar Wagen”, erzählte Scully ihrem Partner und steckte ihr Handy weg. 18 Mulder saß im FBI Department von Seattle und pustete gedankenversunken in seine Kaffeetasse, aus der heftiger Dampf aufstieg. Scully öffnete die Bürotür und erblickte Mulder. Sie hatte zwei Akten unter ihrem Arm geklemmt und setzte sich neben ihn auf einen der Ledersesseln. “Was ist das?” fragte Mulder und deutete auf die Akten, die Scully nun auf dem Schoß liegen hatte. “Unterlagen über Trinity”, antworte Scully und schlug eine Akte auf, “alles nur Geschwafel.” “Was für Geschwafel?” wollte Mulder wissen und trank einen Schluck. “Mmh”, stieß er vor Schmerz aus und verzog das Gesicht. Scully schaute auf. Sie hatte drei kleine Pflaster am, Hals. Jasons Klauen hatten ihre Spuren hinterlassen. “Was ist?” fragte Scully, die Mulders Gesichtsausdruck nicht einordnen konnte. “Verbrannt”, sagte Mulder und fühlte mit dem Zeigefinger über die verkrustete Wunde an seiner Lippe, die er von der Attacke in Trinitys Haus abbekommen hatte. “Es wurde mehrmals versucht, ihn in eine geschlossenen Abteilung einzuliefern-” “Aber?” unterbrach sie Mulder und pustete in seine Tasse. “Aber jedesmal wenn man ihn einweisen wollte, benahm er sich völlig normal. Und so mogelte er sich seit Jahren schon drumherum.” “Und wo ist Trinity jetzt?” “Er ist tot.” Mulder schaute Scully verwundert an. Niemand hatte ihn bisher darüber informiert. “Durch drei Stiche in den Hals. Genau durch die Halsschlagadern”, berichtete Scully. “Wie Jason”, murmelte Mulder. “Nein Mulder. Ich diskutiere mit Ihnen jetzt nicht darüber”, meinte Scully. “Und was ist mit der anderen Mappe?” Mulder schaute auf die untere Akte, die auf Scullys Schoß lag. Sie holte sie nun hervor. “Die gesammelten Untersuchungsberichte der Kinder. Sie sollen uns nun weiterhelfen.” Plötzlich öffnete sich die Tür und Detective Brooks trat in sein Büro. Er begrüßte die Agenten mit einem Lächeln und schloss hinter sich die Tür. “Der Fall ist gelöst”, verkündete er, aber nicht sichtlich erfreut darüber. Scully und Mulder sahen ihn überrascht an. “Wieso?” fragte Scully. “Sie machen Ray Trinity für die Morde verantwortlich”, entgegnete Brooks mit skeptischen Gesichtsausdruck. “Sie? Wer sind 'sie'?” fragte Mulder und versuchte erneut aus der Tasse zu trinken ohne sich zu verbrennen. “Ich jedenfalls nicht!” sagte Brooks energisch und tippte sich mit dem Finger an die Brust. “Man hat wohl angeblich Fingerabdrucke im Schlafzimmer des verstümmelten George Jefferson gefunden, die eindeutig, die Trinitys seien”, fügte Brooks hinzu. Scully und Mulder sahen sich fragend an. “Und was ist mit den Kindern?” fragte Mulder. “Was fragen Sie mich. Die sind sich ja selbst nicht alle einig. Sehen wohl alle Gespenster”, antwortete Brooks, “sie können sich jedenfalls nun beruhigt ins Flugzeug nach Washington D.C. setzten. Die weiteren Formalitäten regle ich dann und faxe sie Ihnen zu, für ihren Bericht.” Brooks öffnete die Tür. Scully und Mulder verstanden und verließen das Büro.“ Lassen Sie mich den Bericht schreiben, Scully”, sagte Mulder und schaute sie bittend an. Scully lächelte. Ihr war das doch egal. “Von mir aus”, erlaubte sie und ging in Richtung Ausgang. Mulder folgte ihr, immer noch mit der Tasse in der Hand die Tür hinaus, die Scully ihm aufhielt. Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss, wurde aber eine Sekunde später auch schon wieder geöffnet. Mulder ging mit der Tasse auf den erstbesten Schreibtisch zu und stellte dort seine Tasse ab. Er lächelte dem Polizisten, der hinter dem Schreibtisch saß, und ihn verwundert anstarrte, zu. “Ist noch warm”, sagte Mulder und deutete auf seine Tasse. Dann verließ er das Department. 19 Scully saß - die Beine übereinandergeschlagen - am Tisch und las die letzte Seite des Berichts, den Mulder geschrieben hatte. Mulder hatte ihn ihr mit der Bitte, dass sie ihn Skinner überreichen solle, gegeben. Natürlich hatte sie es sich dann auch nicht nehmen lassen, ihn zu lesen. ‘Persönliche Aktennotiz von FBI Agent Fox Mulder. In diesem offiziellen Bericht steht, dass die Akte erfolgreich abgeschlossen wurde. Dennoch bleiben viele offene Fragen, die nicht mit der Logik der Wissenschaft zu beantworten sind ... Es ist durchaus möglich, dass die Morde nicht direkt von Trinity selbst verübt wurden, sondern stellvertretend, durch die Kinder. So glaube ich, konnte er sich selbst in die Lage der Kinder versetzten und so seine Opfer töten. Ich erkläre dies damit, dass Trinity wohl die Macht besaß, die Seelen der Kinder zu besitzen. So war es ein Leichtes für ihn, in die Körper der Kinder mit seiner Seele einzudringen. Dies würde auch die Koma-Fälle aufklären. ...’ Weiter las Scully nicht. Sie hatte nun den vollständigen sachlichen Bericht gesehen, und nun widersprach sich Mulder selbst mit diesen Zeilen. Scully schloss die Akte und nahm ihre Beine von Tisch. Sie öffnete die Akte erneut und betrachtete sich die letzte Seite, auf der nur diese Sätze standen, einen Moment lang. Sie atmete tief durch und riss dann mit einem Ruck die letzte Seite des Berichts raus, zerknüllte das Blatt und warf es in den Mülleimer “Es ist besser so, Mulder”, überzeugte sie sich selbst und schloss die Akte. the end